Josef

Josef
Die drei Worte, die sie leise aber deutlich vernehmbar sprach, zogen Josef augenblicklich den Boden unter den Füßen weg. "Ich bin schwanger."

Bis zu diesem Moment war er so glücklich und hoffnungsvoll gewesen, viele Jahre hatte er nach einer Frau gesucht, die eben nicht so war wie die meisten anderen, eine junge Frau, die klug und sanft war, eine Partnerin, mit der er sein ganzes Leben teilen wollte.

Er hatte vor vielen Monaten Maria erstmals getroffen und sie als die Frau kennengelernt, die seinen Idealen so nahe kam. Josef war ein vorsichtiger Mensch, ein nachdenklicher Typ und stets dabei, kluge Entscheidungen zu treffen statt sich spontanen und wirren Ideen hinzugeben, die er vermutlich später bereuen würde. Auch hielt sich Josef an die herrschenden moralischen Regeln, fest davon überzeugt, dass wenn sich der einzelne Mensch mit seinem Verhalten außerhalb der schützenden Gemeinschaft stellte, dies unweigerlich zu Problemen führen musste. Auch aus diesem Grund wartete er - wie es halt üblich war - die geplante, gemeinsame Heirat ab, bevor er mit Maria schlafen würde. So erwartete das seine Familie von ihm. Das akzeptierte er.

Und nun das. Er fühlte sich betrogen und verraten von eben jenem Menschen, dem er über alle Maßen vertraute und auf dem all seine Zukunftshoffnungen lagen. Wie konnte sie ihm das antun, und was sollten diese albernen Ausflüchte, dass sie es sich selbst nicht erklären konnte, wie es passiert sei und dass sie eine Vision gehabt habe. Wenn sie ja wenigstens alles zugegeben und Reue geübt hätte, ihm den Namen des verantwortungslosen anderen Mannes genannt hätte. Aber auch das hätte ja nichts mehr genutzt, es tat so weh, sie hatte mit diesen drei Worten ihre gemeinsame Zukunft getötet.

Nein, es war für ihn ganz und gar ausgeschlossen, Maria gegenüber jemals wieder so etwas wie Zuneigung und Respekt zu empfinden. Zwar hatte er seiner Verlobten noch nicht offiziell den Laufpass gegeben. Er verspürte mehr Trauer als Hass in sich. Wie sollte er sich nun verhalten? Trotz der empfundenen Verletzung wollte er nicht, dass seine untreue Verlobte im Dorf in Schande leben sollte, er hätte dies auch als seine eigene Schande empfunden. Das Beste war, weit entfernt einen neuen Anfang zu machen, das alles hier zu beenden. Zimmerleute wurden überall gebraucht. Wo auch immer seine Zukunft liegen würde, sie konnte nicht hier sein, je weiter entfernt von dieser schlimmen Geschichte, desto besser, dachte er. Er sah an diesem späten Abend aus dem Fenster seines Zimmers. Sein Blick schweifte zum Horizont, auf dem die Abendsonne immer schwächer wurde und lange Schatten in die Gassen warf. Ein Neuanfang, das war es, was er wollte. Und doch fürchtete er sich davor, alle Brücken hinter sich abzubrechen, seine Verlobte zu verstoßen. Konnte er sich so in Maria getäuscht haben? Er wusste weder ein noch aus, sein sehnlichster Wunsch war es, dass am nächsten Morgen alles wieder so wie sein würde wie zuvor.

"Josef!"

Noch niemals zuvor hatte er seinen Namen in dieser Weise gehört. Eine Stimme, weich und warm, leise, aber in höchsten Maße unmittelbar und durchdringend, in einer Klarheit, die jeden Zweifel unmöglich erscheinen ließ. Er vernahm seinen Namen mit einer Stimme, die ihm jede Ausflucht verbot, die ihn trotzdem nicht ängstigte, weil sie so gar nichts Bedrohliches hatte. Eine Stimme, nicht von dieser Welt.

Er blickte sich langsam um, in die Richtung, aus der er seinen Namen soeben vernommen hatte. Auf der Bank vor ihm saß eine Gestalt, von der Licht und Wärme ausging, die Klarheit der Stimme spiegelte sich in gleicher Weise in dem Gesicht der Gestalt, Josef empfand vor allem dieses seltsame, warme Gefühl, das auf ihn zuströmte und das ihn immer stärker erfasste.

"Josef, bitte gehe nicht!"

Woher wusste die merkwürdige Gestalt von seinen Plänen, er hatte keinen einzigen Menschen in seine Absichten eingeweiht, die Gegend alsbald zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen. Was wollte diese Gestalt von ihm, was ging hier vor sich?

"Josef, habe keine Angst. Du kannst mir vertrauen. Ich kenne deine Gedanken und ich kann dich gut verstehen. Ich bin da um dir zu erklären, was gerade geschieht."

Und die Gestalt erzählte Josef von der bevorstehenden Geburt des Kindes, das Frieden in die Welt bringen würde. Das sich nun erfüllen sollte, was verkündet wurde und die Menschen so sehnlichst erwarteten, der Anbruch des Reiches Gottes bei den Menschen, endlich, aber doch so anders, wie sie es eigentlich erwarteten. Josef lauschte den Worten der Gestalt sehr aufmerksam und doch waren nicht alle seine Fragen ausgeräumt, er war ein gläubiger Mensch, der vieles für möglich hielt, und dennoch brannte ein Zweifel in seinem Inneren, eine Frage blieb. Er dachte kurz darüber nach, ob es angemessen sein würde, seine Stimme zu erheben, aber da die Gestalt augenscheinlich bereits seine Gedanken kannte, öffnete er langsam seinen Mund und sprach:

"Warum ich?"

"Weißt du, Josef, Gottes Reich bricht bei den Menschen an, die sich etwas von dem Ursprünglichen bewahrt haben, die neben dem Glauben auch den Zweifel in sich tragen. Menschen wie Du, denen es wichtig ist, die richtigen Dinge zu tun. Menschen, denen es nicht darum geht, im Rampenlicht zu stehen, sondern die durch Ihr Leben ganz leise zum Segen für andere werden."

Josef nickte.

So kam es, das Josef Maria dennoch zur Frau nahm, das Kind, das nicht von ihm stammte, als sein eigenes annahm, diesem Kind den Namen Jesus gab, so wie es die Gestalt ihm aufgetragen hatte.

Es ist bemerkenswert, das von Josef, ohne den die Weihnachtsgeschichte so nicht möglich gewesen wäre, nicht ein einziges, gesprochenes Wort in der Bibel überliefert wurde. Er steht damit in einer Reihe mit den Hirten, denen als einfache und ehrliche Menschen, Gott zuerst begegnet. Josef mag wirklich ein leiser Mensch gewesen sein, nicht auffällig, aber durch seinen Glauben so wichtig.

Autor: Andreas Althoff

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