Zu Weihnachten

Kategorie: schöne besinnliche Weihnachtsgeschichten

"Ich kann nun wieder leben", hatte Grete gesagt, und wirklich, das Leben wurd ihr leichter seitdem. Ein beinah freudiger Trotz, dem sie sich, auch wenn sie gehorchte, hingeben konnte, half ihr über alle änkungen hinweg. Sie gehorchte ja nur noch, weil sie gehorchen wollte. Wollte sie nicht mehr, so konnte sie, wie sie zu Valtin gesagt hatte, jeden Tag "dem Spiel ein Ende machen".

Und wirklich, ein Spiel war es nur noch, oder sie wusst es doch in diesem Lichte zu sehen. Das gab ihr eine wunderbare Kraft, und wenn sie dann spätabends in ihre Giebelstube hinaufstieg, die sie, seit das Kind unten aus der ersten Pflege war, wieder mit Reginen bewohnte, so gelang es ihr, mit dieser zu lachen und zu scherzen. Und wenn es dann hiess, "aber nun schlafe, Gret", dann wickelte sie sich freilich in ihre Decken und schwieg, aber nur, um sich in wachen Träumen eine Welt der Freiheit und des Glückes aufzubauen.

Dabei sah sich am liebsten am Bug oder Steuer eines Schiffes stehen, und der Seewind ging, und es war Nachtzeit, und die Sterne funkelten. Und sie sah dann hinauf, und alles war gross und weit und frei. Und zuletzt überkam es sie wie Frieden inmitten aller Sehnsucht, ihr Trotz wurde Demut, und an Stelle des bösen Engels, der ihren Tag beherrscht hatte, sass nun ihr guter Engel an ihrem Bett.

Und wenn sie dann andren Tags erwachte und hinuntersah auf den Garten und den Pfau auf seiner Stange kreischen hörte, dann fragte sie sich: "Bist du noch du selbst? Bist du noch unglücklich?" Und mitunter wusste sie's kaum. Aber freilich auch andere Tage kamen, wo sie's wusste, nur allzu gut, und wo weder ihr guter noch ihr böser Engel, weder ihre Demut noch ihr Trotz sie vor einem immer bitterer und leidenschaftlicher aufgärenden Groll zu schützen wusste.

Ein solcher Tag, und der bittersten einer, war der Weihnachtstag, an dem auch diesmal ein Christbaum angezündet wurde. Aber nicht für Grete. Grete war ja gross, nein, nur für das Kleine, das denn auch nach den Lichtern haschte und vor

allem nach dem Goldschaum, der reichlich in den Zweigen glitzerte.

"'S ist Gerdts Kind", sagte Grete, der ihres Bruders Geiz und Habsucht immer ein Abscheu war, und sie wandte sich ihren eigenen Geschenken zu. Es waren ihrer nicht allzu viele: Lebkuchen und Äpfel und Nüsse, samt einem dicken Spangen-Gesangbuch (trotzdem sie schon zwei dergleichen hatte), auf dessen Titelblatt in grossen Buchstaben und von Truds eigener Hand geschrieben war: Sprüche Salomonis, Kap. 16, Vers 18.

Sie kannte den Vers nicht, wusste aber, dass er ihr nichts Gutes bedeuten könne, und sobald sich's gab, war sie treppauf, um in der grossen Bibel nachzuschlagen. Und nun las sie: "Wer zugrunde gehen soll, der wird stolz, und stolzer Mut kommt vor dem Fall."

Es schien nicht, dass sie verwirrt oder irgendwie betroffen war, sie strich nur, schnell entschlossen, die von Trud eingeschriebene Zeile mit einer dicken Feder durch, blätterte hastig in dem Alten Testament weiter, als ob sie nach einer bekannten, aber ihrem Gedächtnis wieder halb entfallenen Stelle suche, und schrieb dann ihrerseits die Prophetenstelle darunter, die des alten Jacob Minde letzte Mahnung an Trud enthalten hatte:

"Lasse die Waisen Gnade bei dir finden."

Und nun flog sie wieder treppab und legte das Buch an seinen alten Platz. Trud aber hatte wohl bemerkt, was um sie her vorgegangen, und als sie mt Gerdt allein im Zimmer war, sah sie nach und sagte, während sie sich verfärbte: "Sieh und lies!" Und er nahm nun selber das Buch und las und lachte vor sich hin, wie wenn er sich ihrer Niederlage freue.

Denn seine hämische Natur kannte nichts Liebres als den Ärger andrer Leute, seine Frau nicht ausgenommen. Zwischen dieser aber und Greten unterblieb jedes Wort, und als der Fasching kam, den die Stadt diesmal ausnahmsweise prächtig mit Aufzügen und allerlei Mummenschanz feierte, schien der Zwischenfall vergessen.

Und auch um Ostern, als sich alles zu dem herkömmlichen grossen Kirchgang rüstete, hütete sich Trud wohl, nach dem Buche zu fragen. Wusste sie doch, dass es Gret unter dem Weisszeug ihrer Truhe versteckt hatte. Denn sie mocht es nicht sehen.

Autor: Theodor Fontane

Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung

Fontanes kurze Erzählung "Zu Weihnachten" wirkt auf den ersten Blick wie eine besinnliche Weihnachtsgeschichte, entpuppt sich aber als tiefgründige psychologische Studie über Unterdrückung und inneren Widerstand. Sie zeigt, wie ein Fest der Liebe und Familie zum Brennglass für seelische Grausamkeiten und soziale Kälte werden kann. Die Wirkung ist ambivalent: Sie hinterlässt ein Gefühl der Beklemmung, aber auch der Bewunderung für die Protagonistin, die in ihrer Ohnmacht eine eigenwillige Form der Freiheit findet. Diese Geschichte bleibt lange im Gedächtnis, weil sie das klischeehafte Weihnachtsidyll bewusst durchbricht und stattdessen von der Kraft des stillen Trotzes erzählt.

Biografischer Kontext zum Autor

Theodor Fontane (1819-1898) gilt als bedeutendster deutscher Vertreter des poetischen Realismus. Bevor er mit Romanen wie "Effi Briest" oder "Der Stechlin" Weltruhm erlangte, arbeitete er lange als Apotheker, Journalist und Kriegsberichterstatter. Seine präzise Beobachtungsgabe und sein Interesse an sozialen Milieus prägen auch diese kleine Geschichte. Fontane hatte ein feines Gespür für die Zwänge und Konflikte, besonders von Frauen, in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die hier geschilderte subtile Tyrannei innerhalb der Familie und der Kampf um geistige Autonomie sind typische Themen seines Werks, die er stets mit humanistischer Sympathie für die Unterdrückten behandelt.

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Die Geschichte dreht sich um die junge Grete, die in einem strengen, lieblosen Haushalt lebt. Ihre innere Befreiung beginnt mit der Erkenntnis, dass ihr Gehorsam nur noch ein bewusst gewähltes "Spiel" ist, das sie jederzeit beenden könnte. Dieser gedankliche Widerstand gibt ihr eine "wunderbare Kraft". Das Weihnachtsfest wird zum Höhepunkt der Demütigung: Während das Kind ihres Bruders Gerdt den Christbaum bewundert, erhält Grete nur karge Gaben. Das entscheidende Geschenk ist ein Gesangbuch mit einem biblischen Spruch (Sprüche 16,18), der sie als stolz und dem Untergang geweiht brandmarkt. Dies ist keine liebevolle Gabe, sondern eine gezielte Provokation und moralische Zurechtweisung durch ihre Schwägerin Trud.

Gretes Reaktion ist bemerkenswert. Statt zu verzweifeln, handelt sie schnell und entschlossen: Sie streicht die boshafte Widmung durch und schreibt stattdessen einen Vers ein, der an Truds Pflicht gegenüber den Schutzbedürftigen (den "Waisen") erinnert. Diese Tat ist ein stiller, aber machtvoller Akt der Gegenwehr. Sie nutzt die gleiche Waffe – die Bibel –, um ihre Unterdrückerin moralisch zu konfrontieren. Der anschließende, hämische Lacher ihres Bruders Gerdt unterstreicht die kalte Atmosphäre dieses Haushalts. Das Verstecken des Buches unter dem Weisszeug zeigt schließlich, dass der Konflikt nur oberflächlich beigelegt ist und weiter schwelt. Die Geschichte ist somit weniger ein Weihnachtsmärchen als eine Erzählung von moralischem Mut und der Bewahrung der eigenen Würde in einer feindseligen Umgebung.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Stimmung ist gespalten und intensiv. Einerseits spürst du die bedrückende, beinahe erstickende Atmosphäre in Gretes Zuhause, die durch Geiz, Herzlosigkeit und seelische Grausamkeit geprägt ist. Die Weihnachtsstimmung wird hier pervertiert. Andererseits erzeugt Gretes innerer Monolog und ihre rebellischen Tagträume von Freiheit und Weite auf dem Meer eine starke Stimmung der Sehnsucht und der inneren Stärke. Es ist eine dichte, psychologische Atmosphäre, die zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen ohnmächtigem Groll und siegreicher Demut oszilliert. Die Stimmung ist nicht besinnlich, sondern fesselnd und nachdenklich stimmend.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte eignet sich perfekt für anspruchsvolle literarische Runden in der Adventszeit, die über den Tellerrand der üblichen Herz-Schmerz-Geschichten hinausschauen möchten. Sie ist ideal für einen stimmungsvollen Leseabend mit Freunden oder in einem Buchclub, wo man über die tieferen gesellschaftlichen und psychologischen Dimensionen des Weihnachtsfestes diskutieren möchte. Auch im Unterricht für ältere Schüler kann sie hervorragend als Beispiel für Fontanes Erzählkunst und für die kritische Betrachtung von Familien- und Festtagsdynamiken dienen. Wähle sie, wenn du eine Geschichte suchst, die zum Nachdenken anregt und Gespräche über Themen wie Widerstand, Unfreiheit und die Kraft des Geistes provoziert.

Eignet sich die Geschichte zum Vorlesen oder eher zum Selberlesen?

Sie eignet sich für beides, jedoch mit unterschiedlichem Fokus. Zum Selberlesen ist sie hervorragend geeignet, da du die nuancenreiche Sprache Fontanes, die inneren Gedankengänge Gretes und die subtilen Andeutungen in Ruhe aufnehmen und reflektieren kannst. Zum Vorlesen vor einem aufmerksamen, erwachsenen Publikum kann sie jedoch eine sehr intensive Wirkung entfalten. Die gespannte, beklemmende Atmosphäre und der dramatische Höhepunkt mit dem Gesangbuch kommen beim gesprochenen Wort besonders gut zur Geltung. Die vielen wörtlichen Reden und die präzisen Beschreibungen bieten einer guten Vorleserin oder einem guten Vorleser viel Gestaltungsspielraum.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Die Geschichte ist aufgrund ihrer komplexen psychologischen und moralischen Konflikte sowie ihrer anspruchsvollen Sprache primär für Erwachsene und Jugendliche ab etwa 16 Jahren geeignet. Junge Erwachsene können sich besonders gut mit dem Thema der empfundenen Ungerechtigkeit und dem Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen identifizieren. Für literaturinteressierte Leserinnen und Leser jeden Alters, die eine tiefgründige und unkonventionelle Weihnachtserzählung suchen, ist sie ein echter Schatz.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Sie ist weniger geeignet für Kinder, die eine märchenhafte oder fröhlich-besinnliche Weihnachtsgeschichte erwarten. Auch wer an Heiligabend eine unkomplizierte, herzerwärmende und harmonische Stimmung schaffen möchte, sollte vielleicht zu einer anderen Geschichte greifen. Menschen, die sehr traditionelle und ungebrochen positive Weihnachtsbilder bevorzugen, könnten von der düsteren Familienstimmung und der bitteren Note dieser Erzählung enttäuscht oder sogar befremdet sein. Sie ist kein leichtes Entertainment, sondern fordert ihre Leser.

Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man diese Geschichte wählen?

Wähle Fontanes "Zu Weihnachten" genau dann, wenn du und deine Zuhörer oder Mitleser eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art erleben wollt. Sie ist perfekt für einen ruhigen Nachmittag in der Adventszeit, an dem du dich auf literarisch anspruchsvolle Lektüre freust. Entscheide dich für sie, wenn du eine Geschichte suchst, die das Klischee der heilen Weihnachtswelt durchbricht und stattdessen von der stillen, aber unbezwingbaren Stärke des menschlichen Geistes erzählt. Sie ist ein ideales Gegenstück zu allzu süßlichen Erzählungen und erinnert dich daran, dass das Fest der Liebe für manche ein Kampf um Würde sein kann. Für einen literarischen Buchclub im Dezember ist sie schlichtweg eine perfekte Wahl.

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