Das passiert mit Weihnachtsmänner!

Kategorie: Adventsgeschichten

Der Weihnachtsschmuck und die Deko wurden im neuen Jahr im Supermarkt abgeräumt und verpackt!
Es wurden die Regale umgestaltet und neue Ware eingeräumt.
Einsam und verlassen stand in einem Wandregal, aus Vollmilch mit Nüssen, ein Weihnachtsmann, vergessen?
Im vergangenen Jahr war der Trend nicht Nüsse, sondern Nougat und so blieb er als letzter im Regal stehen.
Bei der Inventur wurde er mit Heringssalat, Weihnachtsschokolade und abgelaufenem Handkäse in einen Einkaufswagen gelegt!
Eine Verkäuferin hängte ein Schild an den Korb, Restposten, 50 Cent, für jedermann sichtbar, vorne an die Kasse gestellt.
Es war verdammt eng in dem Korb und dunkel, der Heringssalat drückte fürchterlich und der Handkäse stank!
Der Weihnachtsmann dachte, bitte nicht zum Restposten werden, das ist das gleiche, als wenn man in einen Abgrund stürzen würde, aber nicht freiwillig.
Wie konnte die Verkäuferin noch ruhig schlafen, die sich für so etwas zum Handlanger erkoren ließ?
Am anderen Tag, der Heringssalat, die Weihnachtsschokolade und der Handkäse fanden reißenden Absatz, obwohl der Salat schon mehrere Tage abgelaufen war, die Fische schwammen im eigenen Saft und der Käse lief davon!
Unmöglich,wie die Menschen sind, aber mich ließen sie liegen.
War alles nur ein Irrtum oder sahen sie mich nicht?
An der Kasse, vorne, hörte ich ein Gerücht!
"Wenn der Mann nicht verkauft wird, dann wird er eben zum Osterhasen!"
Rohstoffe waren knapp, aus nicht verkauften Weihnachtsmänner sollten Osterhasen gefertigt werden!
"Bitte, bitte nicht!"
Ich war ein Mann, hatte alles dran und trug meinen

Sack auf dem Rücken!
Die Umwandlung als Osterhase wäre fürchterlich oder habt ihr schon einen Hasen mit Bart und einem roten Mantel gesehen?
Ich warne jeden, mir ein Stummelschwänzchen und lange Ohren anzuhängen, ich war der Mann aus dem hohen Norden!
Bei dem Gedanken wurde mir ganz übel zu mute.
Plötzlich, Dunkelheit, es wurde ganz heiß und dann wieder kalt, der Mantel passte nicht mehr und der Sack war weck!
Ich fühlte mich wie in eine Form gepreßt!
Eine Hand packte mich, ich wurde in eine Pappkiste verstaut und der Deckel verschlossen.
Ein Unwohlsein überkam mich und dann noch in einer dunklen, engen, muffigen Kiste!
Unsanft wurde ich mit der Pappkiste, in einem Lagerhaus, in ein Regal eingelagert!
Stille, beängstigend, was hatten die mit mir vor?
Tage und Wochen waren vergangen, die Osterzeit mußte angefangen haben!
Es wurde plötzlich hell und ich stand wieder im Regal im Supermarkt, sogar an erster Stelle und Nussgeschmack war dieses Jahr auch der Renner!
Wo war mein roter Mantel, mein Sack und mein Bart, alles fühlte sich so pelzig an!
Ich war behaart, hatte lange Ohren, als Weihnachtsmann hatte ich verloren, als Osterhase wurde ich neu geboren!
Na ja, es kommt ja nicht immer auf das Äußere an, sondern die inneren Werte zählen, die waren aus Vollmilch mit Nuss!
Endlich, ich wurde gekauft, denn eine weitere Verwandlung als Pfingstochse hätte ich nicht überstanden!
Fröhliche Weihnachten!

Autor: Dieter Siebald

Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung

Diese ungewöhnliche Weihnachtsgeschichte von Dieter Siebald wirkt auf den ersten Blick humorvoll und absurd, entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung als eine tiefgründige Parabel über Identität, Wertschätzung und den Kreislauf des Konsums. Sie erzählt aus der Perspektive eines Schokoladenweihnachtsmannes, der nach den Feiertagen im Supermarkt zurückbleibt und eine Odyssee der Entwertung durchlebt. Die Erzählung verbindet slapstickartige Komik mit fast schon existentieller Angst vor dem Vergessenwerden und der Zwangsumwandlung. Am Ende steht eine überraschende, versöhnliche Botschaft, die den inneren Wert über die äußere Form stellt und so eine Brücke von Weihnachten zu Ostern schlägt.

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Die Geschichte "Das passiert mit Weihnachtsmänner!" ist weit mehr als eine skurrile Anekdote. Sie kann als satirischer Kommentar auf unsere Wegwerfgesellschaft und die gnadenlose Logik des Einzelhandels gelesen werden. Der Weihnachtsmann, ein Symbol der Freude und Bescherung, wird zum reinen Warenobjekt degradiert, das nach Ablauf des Saisons sofort seinen Wert verliert. Seine qualvolle Enge im Einkaufswagen neben abgelaufenem Heringssalat und stinkendem Handkäse ist eine bildhafte Darstellung der Bedeutungslosigkeit, die ihn erwartet.

Seine größte Angst, "zum Restposten zu werden", vergleicht er mit dem Sturz in einen Abgrund. Diese Metapher verleiht der sonst so leichten Erzählung eine unerwartete Tiefe und thematisiert die menschliche Urangst, nutzlos und ersetzbar zu sein. Die Androhung, zum Osterhasen umgearbeitet zu werden, spitzt dies zu: Es geht um den gewaltsamen Verlust der eigenen Identität. Die Beschreibung der Verwandlung – das Pressen in eine Form, das Verschwinden von Mantel und Bart – liest sich wie eine groteske Allegorie auf Anpassungsdruck und die Kommerzialisierung aller Festbräuche.

Die überraschende Wendung am Schluss ist jedoch versöhnlich. Obwohl äußerlich zum Hasen umgeformt, betont der Protagonist, dass seine "inneren Werte" aus "Vollmilch mit Nuss" gleichgeblieben sind. Die Geschichte endet nicht mit Resignation, sondern mit der Erlösung durch den Kauf und der dankbaren Erkenntnis, einer weiteren Verwandlung zum Pfingstochsen entgangen zu sein. Sie feiert damit letztlich die Beständigkeit des Kerns trotz aller äußerer Veränderungen und den Triumph, doch noch gebraucht und gewollt zu werden.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Erzählung erzeugt eine einzigartige Mischung aus Stimmungen. Zunächst überwiegt eine komisch-groteske Atmosphäre, die durch die absurde Situation und die lebendige Personifizierung der Lebensmittel entsteht. Die Beschwerden des Weihnachtsmannes über den drückenden Heringssalat und den davonlaufenden Käse sind urkomisch. Darunter legt sich jedoch ein beständiger Unterton von Melancholie und beklemmender Verlassenheit, besonders in den Passagen in der dunklen Pappkiste und dem muffigen Lagerhaus. Die Angst vor der Umwandlung erzeugt sogar Momente leiser Panik. Insgesamt mündet alles in eine heitere, leicht philosophische Gelassenheit, die den Leser mit einem Schmunzeln und einem nachdenklichen Nicken zurücklässt.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte eignet sich perfekt für die Übergangszeit zwischen den Jahren, also in der Zeit nach Weihnachten bis kurz vor Ostern. Sie ist ein idealer Gesprächsstoff für Familienfeiern in den Tagen nach dem Fest, wenn der Weihnachtsschmuck langsam abgebaut wird. Auch für einen geselligen Abend unter Erwachsenen, die humorvolle und etwas andere Weihnachtsliteratur schätzen, ist sie ein hervorragender Impuls. Darüber hinaus passt sie wunderbar zu Ostern, da sie eine unerwartete Verbindung zwischen den beiden Festen knüpft und so Brückengeschichte zwischen den Festtagen ist.

Eignet sich die Geschichte zum Vorlesen oder eher zum Selberlesen?

Die Geschichte eignet sich ausgezeichnet zum lauten Vorlesen, vorausgesetzt, der Vorlesende kann den humorvollen und teilweise dramatischen Ton gut einfangen. Die direkte Rede und die inneren Monologe des Weihnachtsmannes bieten großes Potenzial für stimmliche Gestaltung. Das lebendige Kopfkino, das die skurrilen Bilder erzeugen, kommt beim Zuhören besonders gut zur Geltung. Zum stillen Selberlesen ist sie natürlich ebenfalls geeignet, da man dann die feineren satirischen Nuancen in Ruhe genießen kann.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Grundsätzlich ist die Geschichte für ein Publikum ab etwa 10 Jahren geeignet. Jüngere Kinder verstehen möglicherweise die ironischen und satirischen Elemente sowie die Angst vor dem Identitätsverlust noch nicht vollständig. Jugendliche und Erwachsene werden den doppelten Boden und die gesellschaftskritischen Anklänge besonders zu schätzen wissen. Die Länge und der eingängige Stil machen sie auch für ältere Menschen, die Freude an einer kurzweiligen, pointierten Erzählung haben, zu einer guten Wahl.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Weniger geeignet ist die Geschichte für sehr junge Kinder, die eine traditionelle, besinnliche und magische Weihnachtserzählung erwarten. Der realistische, teilweise sogar zynische Setting eines Supermarkts und das Schicksal einer essbaren Figur könnten sie verwirren oder sogar traurig stimmen. Auch für Leser, die einen ausschließlich ernsthaften, religiös geprägten oder nostalgischen Weihnachtstext suchen, ist diese moderne, kommerzkritische Parabel wahrscheinlich nicht die erste Wahl.

Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man diese Geschichte wählen?

Wähle diese Geschichte genau dann, wenn du nach einem frischen, unkonventionellen und dennoch herzerwärmenden Beitrag zur Weihnachtszeit suchst, der über den Tellerrand blickt. Sie ist ideal für den 27. oder 28. Dezember, wenn der erste Weihnachtszauber verflogen ist und man Raum für humorvolle Reflexion hat. Sie passt brillant zu einem geselligen Käsefondue oder einem Glühwein in der Neujahrswoche, wo man über die Absurditäten des Konsums schmunzeln kann. Und natürlich ist sie die perfekte Lektüre für Ostern, um zu zeigen, dass die Botschaft von innerem Wert und Neubeginn beide Feste wunderbar verbindet. Mit dieser Geschichte bietest du einen einzigartigen Mehrwert, den man so auf keiner anderen Sammlung von Weihnachtsgeschichten findet.

Mehr Adventsgeschichten

0.0 von 5 – Wertungen: 0