Als der Rauschgoldengel fliegen lernte!

Als der Rauschgoldengel fliegen lernte!
Wir lebten in den sechziger Jahren in einer ländlichen Gegend, hatten einen kleinen Bauernhof und waren nach dem Wirtschaftswunder durch den ersten Wirtschaftsminister, Ludwig Erhard, sogenannte Mondscheinbauern geworden!
Wie es damals so üblich war, bestand unsere Familie aus einem Mehrfamilienhaushalt, den Oma führte und es war die Zeit, in der das Wort, Wegwerfgesellschaft, erfunden wurde!
Nur bei uns war dieses Wort, ein Fremdwort, alles wurde aus reiner Gewohnheit aufgehoben, um es auf dem Dachboden, für einen evtl. Wiedergebrauch, zu entsorgen, nach dem Motto, wir sind alles Jäger und Sammler!
Dachböden sind seit jeher wahre Fundorte und Schatzkammer aus der Vergangenheit, eignen sich auch sehr gut als Endlagerstätte von ungeliebten Geschenken jeglicher Art, die man diskret auf ihnen entsorgen kann.
Eine große Gefahr besteht darin, beschließt der Fanilienvorstand eine Ausgrabung und man wird zum Archäologen ernannt, um spezielle materielle Hinterlassenschaften aufzuspüren, die wie Phönix aus der Asche wiederbelebt werden soll, dann kann dieses zu einem gefährlichen Abenteuer werden!
Kalt und frostig war es draußen geworden, der Kachelofen im Raum verbreitete seine wohlige Wârme im ganzen Haus und ließ die Eisblumen an den Fensterscheiben als Rinnsal verblühen!
Die Natur war in einen Winterschlaf verfallen, Bäche und Flüsse mit einer dicken Eisschicht überzogen und es roch nach Schnee!
Man verspürte so langsam eine Vorfreude auf das bevorstehende Christfest, weihnachtliche Düfte durchzogen das ganze Haus!
In der Küche, tonangebend, Oma, eine hochexplosive Atmosphäre lag in der Luft, die mit Ohrfeigen geschwängert war, wenn man versuchte, etwas von den leckeren Backwaren zu ergattern!
Und war man nicht schnell genug vom Ort der Verlockung verschwunden, wurde man zum Teigrühren verdonnert und mußte die auswendig gelernten Weihnachtslieder aufsagen, welche man mit der Blockflöte, am Heiligabend, der Familie, vorspielen sollte.
Das Weihnachtsfest rückte immer näher und unser Tannenbaum stand immer noch ungeschmückt in der guten Stube, wo er durch unsere Dekoration, zum vollen Glanz erstrahlen sollte.
Dieses Jahr wollten wir ihn besonders schön schmücken, in den Jahren davor hatten wir ihn immer mit goldenen und silbernen Kugel, Engelshaar und Lametta behangen und als Spitze, einen mundgeblasenen goldenen Glasstern aus dem Erzgebirge, aufgesetzt.
Ausgerechnet dieses Jahr schlug Oma vor, den Rauschgoldengel, den sie vor Jahren von einer Kaffeefahrt aus Nürnberg mitgebracht hatte, in seinem Inneren befand sich eine Spieluhr, für den Tannenbaum als Abschluß zu verwenden.
Das Problem war, der ungeliebte Engel lag schon lange auf dem Dachboden und ruhte unter dem Sperrmüll der vergangenen Jahrzehnte!
Mit einer Taschenlampe bewaffnet, begab ich mich auf den Weg in die

Vergangenheit, es roch nach Mäuseköttel, Ruß, Mottenpulver und muffigen Kleidungsstücken!
Staubwolken umwehten mich und die Spinnweben griffen gierig nach mir und nahmen mich gefangen!
Ganz hinten, an der Stirnwand neben dem Schornstein, wurde ich fündig, da lag der Karton mit dem gesuchten Schatz aus der Vergangenheit!
Nicht gerade hocherfreut über meinen Fund, brachte ich den Rauschgoldengel ins Wohnzimmer und versuchte, die Spieluhr zum Leben zu erwecken, leider vergebens, sie war eingerostet.
Durch ein paar Tropfen Öl machte ich die Federn und Walzen im Inneren wieder gängig, es gelang mir sogar, Töne aus dem Spielwerk zu entlocken, aber wie ein Weihnachtslied hörte sich dieses nicht an.
Verärgert stellte ich den Engel auf den Wohnzimmertisch, plötzlich, ein lautes Knacken und Rasseln, sein Gewand fing gefährlich an zu knistern!
Die aufgezogenen Federn der Spieluhr gaben ihren Geist auf, wie ein goldener Komet, flog er kopfüber in die Glasvitrine unseres Wohnzimmerschrankes und zerlegte diese in einen Scherbenhaufen!
Gleichzeitig, mit lautem Getöse,verabschiedeten sich Omas Sammeltassen und nahmen auch noch die Likörschalen, die immer bei ihrem Kaffeeklatsch, Verwendung fanden, mit in die Tiefe.
Der Rauschgoldengel, der hatte sich in seine Bestandteile zerlegt!
"Ach du Donner", was würde Oma sagen, "er war ein Geschenk von ihr, für uns und hatte noch nie als Weihnachtsbaumspitze seine Prämiere gehabt!
Ich sammelte die Einzelteile des Engels ein, packte diese wieder in den Karton und verstaute ihn ganz hinten auf dem Dachboden, möge der Staub des Vergessens ihn in Frieden ruhen lassen!
Danach entsorgte ich die Trümmer seines mißglückten Flugversuches in der Mülltonne!
Wutentbrannt stürmte anderntags Oma in die Küche, "wo sind meine Sammeltassen und die Likörschalen und was ist mit der Glasvitrine geschehen?"
"Das war der Rauschgoldengel aus Nürnberg", sagte ich, "er wollte mal ausprobieren, ob er noch schweben und fliegen kann, leider war er zu altersschwach und hat die Landung nicht überlebt, ihn hat es mit einem lauten Knall zerrissen!"
Patch, patch, hatte ich ein paar Ohrfeigen und das Taschengeld wurde für ein Jahr gestrichen, dieses fand Verwendung zum Kauf von neuen Sammeltassen, Likörschalen und für die Reparatur der Vitrine im Wohnzimmrschrank!
Auf dem Tannenbaum steckte doch wieder der goldene mundgeblasene Glasstern aus dem Erzgebirge, warum nicht gleich so, dann hätte ich noch mein Taschengeld und keine roten Backen!
Aber, ab jetzt weiß ich auch, was es heißt, "gleich kriegst du ein paar Ohrfeigen, dass du die Engel im Himmel singen hörst!"
Übrigens, als Archäologe würde ich nie wieder tätig!
Fröhliche Weihnachten!

Autor: Dieter Siebald

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