Zwischen zwei Welten - von Schönheits-OPs und gegrillten Meerschweinchen

Kategorie: kurze Weihnachtsgeschichten

Heute ist der 24. Dezember und ich verlasse in kurzen T-Shirts und Sonnenbrillen meine Wohnung im Geschäftsviertel von Quito. Vor dem Shoppingcenter, das ich passiere steht ein perfekt symmetrisch grüner Weihnachtsbaum aus Plastik, verziert mit überdimensionalen Geschenken und glänzenden Goldgirlanden. Durch meine Sonnenbrillen bleibt der Anblick erträglich. Mein erstes Weihnachten fernab dem kalten Österreich. Seit neun Monaten arbeite ich - zusammen mit einem kolumbianischen Sozialarbeiter - im Straßenkinderprojekt der Salesianer Don Boscos. Täglich besuche ich, die auf der Straße arbeitenden Kinder: Schuhputzer, Zeitungsverkäufer, Autowäscher und Straßenartisten.
Endlich gelange ich an die Straßenecke mit dem Zeitungsstand. Luis sitzt auf einer kleinen Holzkiste am Boden und zählt das Wechselgeld. Wir begrüßen uns mit unserem typischen Handschlagritual, danach überlasse ich ihm meine Sonnenbrillen. Natalie umarmt mich am Hosenbein, Christian ist gerade beleidigt und ignoriert mich. Maria kommt von der Seite angelaufen und springt von hinten auf meinen Rücken und versucht, mir eine dieser roten Weihnachtsmann-Mützen aufzusetzen. Ich lasse es über mich ergehen und lege eine kurze Performance als Santa Claus hin. Die Kinder lachen und machen Fotos mit meiner Kamera.
Da es heute keine Hausaufgaben zu machen gibt, überlasse ich den Kindern die Kamera, setzte mich statt Luis auf die Holzkiste und übernehme den Zeitungsstand. Christian setzt sich neben mich auf den Straßenboden und malt mir, mit seinem Buntstift auf meine Hose. Na toll.
„Freust du dich schon auf den Heiligen Abend?“ Er zuckt belanglos mit den Schultern und malt einen weiteren Stern auf meine Hose. Plötzlich kommt die wilde Horde wieder angerauscht. Luis trägt lässig - meine Ray-Ban Sonnenbrillen auf der Nase - eine große Schuhschachtel mit beiden Armen vor sich her. Maria und Natalie füttern abwechselnd seitlich Grashalme und Karottenstücke durch eine kleine Öffnung. Der Karton landet auf meinem Schoß und ich bekomme selbst Grashalme und Karottenstücke in den Mund geschoben. Etwas in dem Karton bewegt sich. Instinktiv rümpfe ich die Nase.
Wir versammeln uns am Projektgelände der Salesianer. Eine Abordnung, junger modisch gekleideter Leute, sortiert Warenspenden und erteilt Anweisungen. Die Straßenkinder werden in langen Reihen aufgestellt und mit Barbie Puppen, Spielzeugrobotern und Fußbällen abgefertigt. Eine bekannte amerikanische Fastfood Kette liefert Pizza in meterhohen weißen Kartons. Ich verteile Plastikbecher und schenke Cola aus. Skeptisch begutachten die Kinder die eckig lauwarmen Stücke, bevor sie halb angebissen wieder im Pizzakarton landen.
Am Nachmittag löse ich mein Versprechen ein und lade die Kinder vom Zeitungsstand zu mir nach Hause – in meine zugegeben, doch sehr komfortable Zivildienerwohnung ein. Eine Einladung, die ich meinen Kindern als Motivation in Aussicht gestellt hatte, um sie bis zu den Weihnachtsferien zu schulischen Höchstleistungen anzustiften. Stefan, mein Mitbewohner, ist bereits am Vorabend mit dem Nachtbus zum Strand nach Montanita - einem kleinen verschlafenen Surfer Kaff an der Pazifikküste - aufgebrochen, um dort mit den anderen Zivis Weihnachten abzufeiern. Ich bin froh, die Wohnung ein paar Tage nur für mich zu haben.
Wir passieren das Shoppingcenter - plötzlich kommt mir eine Idee und ich mache halt.
„Lust auf eine kleine Shopping-Runde im Supermarkt?“ Die Mädchen rücken dicht an meine Seite und fassen mich an den Händen. Die Jungs inspizieren vorsichtig wie zwei Pioniere das neue Gelände. Den Sicherheitsdienst am Eingang halte ich mit einem entschlossenen Blick auf Distanz. Im fast sterilen Inneren des Einkaufszentrums wirken die Kinder wie ein Fremdkörper. Die Mädchen organisieren den Einkaufswagen, die Burschen hängen bereits seitlich zu beiden Seiten wie zwei Klammeräffchen dran. Instinktiv wird auf die Süßigkeiten Abteilung zugesteuert. Ich überlasse den Kindern das Kommando und absorbiere skeptische Blicke vornehmer Kundschaft. Wie eine graue Abgaswolke bewegen wir uns durch den Supermarkt. An der Kassa bezahle ich mit einem zufriedenen Lächeln und genieße den Anblick strahlender Kindergesichter. Zielsicher verlassen wir – wie ein Rudel weißer Plastiksäcke – eine mir selbst fremd gewordene Umgebung. In der Wohnung angekommen, basteln wir Weihnachtskarten und essen Süßigkeiten bis uns schlecht ist. Drei Stunden später bringe ich sie zurück zum Zeitungsstand, umarme sie und überlasse sie mit einem „Feliz Navidad!“ ihren Eltern.
Wieder zu Hause dusche ich und suche im Kleiderschrank vergeblich nach feiner Abendgarderobe. In sauberen Jeans und Pullover verlasse ich die Wohnung. An der nächsten Straßenecke warte ich auf den Bus. Innerhalb der nächsten fünf Minuten wird es - wie durch einen

Dimmer heruntergeregelt – stufenweise finster. Endlich sehe ich den Bus kommen. Doch der macht keinerlei Anstalten sein Tempo zu reduzieren.
Mit ein paar Laufschritten Anlauf springe ich auf den anfahrenden Bus auf. Das mit den Haltestellen nimmt hier keiner so ernst. Ich begleiche das Fahrtgeld. Jetzt gibt der Fahrer extra Vollgas und mich schleudert es direkt bis auf die Rückbank. Außer mir sind kaum Fahrgäste an Board. Ich studiere die Adresse auf dem Notizzettel genauer und setzte meine Fahrt in Richtung Süden, dem Nobelviertel von Quito fort.
Pünktlich auf die Minute, stehe ich auf der Fußmatte einer Luxusvilla, wie ich sie noch nie gesehen habe. Vergewissere mich nochmals auf meinem Notizzettel nach dem richtigen Namen und läute die Türglocke. Die Lady aus meiner Laufgruppe öffnet die Türe und küsst mich zur Begrüßung auf beide Wangen. Ich entschuldige mich kurz für meine einfache Garderobe und überreiche schnell eine Flasche österreichischen Wein. Sie macht mir mit einem Augenzwinkern ein Kompliment zu meinem schwarzen Pullover und lobt meinen guten Geschmack. Die Lady betreibt eine kleine Modeboudique - das Guys & Dolls – in einem sehr exklusiven Einkaufszentrum, dem El Caracol – einem Schneckenhaus der reichen Oberschicht.
Ich werde durch die Runde mit Herrschaften in eleganter Abendgarderobe geführt und als österreichischer Zivildiener vorgestellt. Herren in schwarzen Anzügen und Krawatte – Damen mit viel Make-up und makellosen Gesichtern. Innerhalb von wenigen Augenblicken sind die Straßenkinder und ich das Gesprächsthema Nummer Eins der feinen Abendgesellschaft. Bedienstete servieren Drinks auf Silbertabletts und ich erzähle in fast fließendem Spanisch von meinen Beweggründen, die mich in ihr Land geführt hatten. Es folgt ein Gala Abendessen mit mehreren Gängen. Ihr Mann, ein hochrangiger Vertreter eines internationalen Lebensmittelkonzerns, nutzt die kurzen Unterbrechungen für seine Werbelaudatio zu neuen Produkten, bis die Lady gekonnt das Thema wechselt.
Ich stochere gerade konzentriert mit einer Silbergabel auf perfekt symmetrisch grüne Salatblätter ein, als plötzlich zu meiner Überraschung die Frage – „Wie gefallen dir eigentlich die Frauen hier in Südamerika?“ – vor mir auf dem Teller landet. Ich schaffe es gerade noch, mich nicht an einer Olive zu verschlucken, lege das Besteck zur Seite und greife nach der Stoffserviette. Ich spüre Augenpaare und Brillengläser auf mich gerichtet, lasse die Frage kurz in mir nachklingen und halte inne - Frauen nach dem südamerikanischen Schönheitsideal mit großen Brüsten und dicken Hintern? Eigentlich gar nicht so mein Fall. - Ich ziehe die Möglichkeit in Betracht die Frage nicht richtig verstanden zu haben. Entschließe mich aber dann doch laut weiter zu denken und lächle dabei meiner Gastgeberin bis zum anderen Ende der Tafel zu. „Heute Morgen hab ich im Park diese eine Läuferin gesehen, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht.“ Wohlwollende Weihnachtsstille an der Festtafel. Dann streckt endlich der alte Mann neben mir zustimmend sein Weinglas in die Höhe und spricht einen Toast aus, dessen Sinn ich nicht erfasse. Der österreichische Rotwein entspannt mich und ich lasse mich in meinen Sessel zurückfallen, schließe meine Augen und gebe mich nochmals dem Traum mit der unbekannten Läuferin hin.
Nach dem Dessert verabschiede ich mich vorzeitig, bedanke mich für den netten Abend und erinnere die Lady an das nächste gemeinsame Training am Sonntag zum langen Dauerlauf. Sie begleitet mich an die Tür, zieht mich dann nah an sich heran – ihre Lippen dicht an mein Ohr gepresst – flüstert sie mir leise zu: „Ich bin die Einzige in der heutigen Damenrunde, die noch keine Schönheits-OP zu Weihnachten geschenkt bekommen hat.“ Ich schlucke kurz und entgegne dann lächelnd, dass das eben ein Nachteil ihres regelmäßigen Lauftrainings sei. Ihre natürliche Schönheit überstrahlt die puppenhaft verzierten Gesichter der übrigen Damenrunde und verleiht ihrem Wesen eine zeitlose Eleganz.
Zurück in der Wohnung stecke ich die bunte Lichterkette meiner Weihnachts-Palme an, setzte mich auf die etwas ausgebeulte Couch und öffne den Brief meiner Schwester. Die einzige Nachricht die mich vor Weihnachten rechtzeitig erreicht hat. Dazu esse ich Mozartkugeln, die ich mir für den heutigen Abend aufgehoben habe. Ich lasse die Eindrücke des Tages Revue passieren und schließe mit einem Eintrag in mein Tagebuch:
„Zwischen zwei Welten - Für die Einen gibt’s zu Weihnachten Schönheits-OPs, für die Anderen im besten Fall Mehrschweinchen mit Kochbananen.“

[verfasst im Dezember 2015]

Autor: Michael Two

Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung

Diese ungewöhnliche Weihnachtsgeschichte wirkt wie ein literarisches Kaleidoskop, das zwei völlig verschiedene Realitäten in einer Person vereint. Sie zieht dich als Leser hinein in die grelle Diskrepanz zwischen dem künstlichen Glanz der Reichen und der einfachen, aber ehrlichen Freude der Armen. Die Erzählung hinterlässt ein nachdenkliches Gefühl, regt zum Reflektieren über wahre Werte und die eigene Position in der Welt an und bietet dabei überraschend viele humorvolle und berührende Momente. Sie zeigt Weihnachten nicht als harmonisches Ideal, sondern als scharfe Linse, durch die soziale Ungleichheit und menschliche Verbindung gleichermaßen sichtbar werden.

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Die Geschichte "Zwischen zwei Welten" ist eine moderne Weihnachtserzählung, die das Fest als Kontrastprogramm inszeniert. Der Ich-Erzähler, ein österreichischer Zivildiener, pendelt an diesem einen Tag zwischen den extremen Polen der ecuadorianischen Gesellschaft. Die Interpretation kann entlang dieser Gegenwelten erfolgen.

Die erste Welt ist die der Straßenkinder. Hier symbolisiert der Plastikweihnachtsbaum vor dem Shoppingcenter die aufgezwungene, leere Kommerzialität. Echte Weihnacht findet stattdessen in der spontanen Zuneigung der Kinder, im gemeinsamen Basteln und im einfachen Süßigkeiten-Essen statt. Das gegrillte Meerschweinchen im Titel steht metaphorisch für die bescheidenen, aber wirklichen Güter dieser Welt. Die Szene im Supermarkt, wo die Kinder wie eine "graue Abgaswolke" wirken, zeigt ihre Stellung als störende Fremdkörper in der perfekten Konsumwelt, die der Erzähler aber mutig für sie erobert.

Die zweite Welt ist das Nobelviertel mit seiner Luxusvilla. Der perfekt symmetrische Salat spiegelt den perfekt symmetrischen Plastikbaum und unterstreicht die künstliche, erstarrte Schönheit dieser Sphäre. Die Geschenke sind hier nicht Spielzeuge, sondern Schönheitsoperationen. Die Konversation ist oberflächlich, das Essen steril und die zwischenmenschlichen Gesten, wie der Wangenkuss der Gastgeberin, folgen einem ritualisierten Code. Der Erzähler ist auch hier ein Fremdkörper, nun aufgrund seiner einfachen Kleidung und seiner unbequemen Arbeit.

Die Schlüsselerkenntnis liegt im Tagebucheintrag des Erzählers. Er wird nicht zum Richter, der eine Welt verurteilt und die andere verklärt. Stattdessen hält er die Diskrepanz einfach fest. Seine persönliche Rettung und sein Anker sind die kleinen, authentischen Momente: der Traum von der unbekannten Läuferin, das Kompliment an die natürliche Gastgeberin, die Mozartkugeln und der Brief der Schwester. Sie stellen eine dritte, persönliche Welt dar, die er zwischen den Extremen für sich bewahrt.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Geschichte erzeugt eine vielschichtige, leicht melancholische Grundstimmung, die von Momenten der Herzlichkeit und subtiler Ironie durchbrochen wird. Du spürst eine latente Fremdheit und das Unbehagen des Erzählers, der in keine der beiden Welten vollständig hineinpasst. Gleichzeitig entsteht durch die lebendigen Szenen mit den Kindern eine warme, chaotische und lebensbejahende Atmosphäre. Die Beschreibung der Festgesellschaft hingegen wirkt distanziert, kühl und bisweilen befremdlich komisch. Insgesamt ist die Stimmung nachdenklich und regt dazu an, über die eigenen Weihnachtstraditionen und Werte nachzudenken, ohne dabei jemals belehrend oder sentimental zu werden.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte eignet sich perfekt für Anlässe, an denen du über das übliche Besinnliche hinausgehen möchtest. Sie ist ideal für einen gemütlichen Leseabend in der Vorweihnachtszeit mit Freunden oder der Familie, um anschließend über die Themen Konsum, soziale Gerechtigkeit und die wahre Bedeutung von Festen zu diskutieren. Auch in einem (fortgeschrittenen) Sprachunterricht oder in einem literarischen Kreis bietet sie hervorragenden Gesprächsstoff. Du kannst sie wählen, wenn du eine Weihnachtsgeschichte suchst, die erwachsen, realistisch und fernab von Klischees ist.

Eignet sich die Geschichte zum Vorlesen oder eher zum Selberlesen?

Die Geschichte eignet sich gut zum stillen Selberlesen. Die innere Reflexion des Erzählers, die vielen beschreibenden Details und die subtile Ironie entfalten ihre volle Wirkung, wenn man sie in eigenem Tempo aufnehmen und nachwirken lassen kann. Zum Vorlesen ist sie aufgrund ihrer Länge und der komplexen Satzstrukturen etwas anspruchsvoller. Wenn du sie dennoch vorlesen möchtest, etwa in einer Runde aufmerksamer Erwachsener, solltest du die Übergänge zwischen den Welten und die ironischen Untertöne gut betonen können.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Die Geschichte richtet sich primär an junge Erwachsene und Erwachsene ab etwa 18 Jahren. Die Thematik soziale Ungleichheit, die kritische Betrachtung von Schönheitsidealen und der insgesamt reflektierende, wenig märchenhafte Ton setzen eine gewisse Lebenserfahrung und Abstraktionsfähigkeit voraus. Jugendliche ab 16 Jahren mit einem besonderen Interesse an gesellschaftlichen Themen oder Literatur können den Text aber durchaus schon verstehen und schätzen.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Weniger geeignet ist die Erzählung für Kinder, die eine traditionelle, märchenhafte oder besinnliche Weihnachtsgeschichte erwarten. Auch für Leser, die an Heiligabend ausschließlich unkomplizierte, harmonische und tröstende Geschichten suchen, könnte der realistische und kontrastreiche Stil zu fordernd oder sogar verstörend wirken. Wer eine klare moralische Botschaft oder ein eindeutig "gutes" Ende sucht, wird hier nicht fündig.

Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man diese Geschichte wählen?

Wähle diese Geschichte, wenn du eine tiefgründige, literarisch anspruchsvolle und absolut unkonventionelle Alternative zum klassischen Weihnachtserzählgut suchst. Sie ist perfekt für einen ruhigen Nachmittag in der Adventszeit, an dem du dir Zeit fürs Lesen und Nachdenken nimmst. Besonders passend ist sie, wenn du selbst das Gefühl hast, zwischen Welten zu stehen – zwischen Stress und Besinnung, zwischen familiären Pflichten und eigenen Wünschen oder zwischen Konsumrausch und dem Bedürfnis nach Einfachheit. Diese Geschichte bietet keine einfachen Antworten, aber sie versteht das Gefühl der Zerrissenheit und verwandelt es in eine berührende, ehrliche und sehr menschliche Weihnachtserfahrung.

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