Das sechste Rentier
Kategorie: Weihnachtsgeschichten für Kinder
Es war die Zeit, da hoch im Norden die Nächte länger und dunkler wurden und die Tage kürzer. Am Himmel zeigten sich die Nordlichter und die Kälte kündete vom nahen Winter.
Im Hause des Weihnachtsmannes herrschte Hochbetrieb. Der Schlitten wurde auf Vordermann gebracht und die Rentiere bekamen neues wunderschön geschmücktes Geschirr anprobiert. 6 Rentiere freuten sich auf die lange Reise zu all den vielen Kindern, die sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann und ihre Geschenke warteten.
In der ersten Reihe liefen Bobo und Jacko, dahinter kamen Fred und Franz, danach folgten Otto und Willi, die jüngsten, die jetzt erst im dritten Jahr vom Weihnachtsmann auserwählt waren, den Schlitten mit zu ziehen. Doch da gab es einen, der nicht ganz so glücklich war. Ja, das war Willi. Neben Willi lief Otto stolz und erhaben auf der Seite des Schlittens, von wo aus man all die schön geschmückten Häuser der Menschen sehen konnte. Willi gehörte zu der Seite, von der man sehr wenig und eigentlich nur den dunklen Himmel sehen konnte und das gefiel Willi gar nicht. Die Monate vor dem großen Fest schon hatte Willi versucht Otto dazu zu bringen, mit ihm den Platz zu tauschen, doch Otto hatte immer auf die feste Regelung verwiesen, vorne Bobo und Jacko, dahinter Fred und Franz, hinter Fred Otto und hinter Franz eben Willi, basta. Nachdem von den Weihnachtswichteln, die hinter den sieben Bergen in sieben kleinen Bettchen schliefen, aus sieben kleinen Becherchen tranken, von sieben kleinen Tellerchen aßen und ihre Suppe mit sieben kleinen Löffelchen löffelten, all die vielen Geschenke zusammen mit dem Weihnachtsmann und seiner Frau gepackt und dann auf dem Schlitten aufgeladen waren, war die Zeit gekommen, loszufahren.
Der Weihnachtsmann prüfte noch einmal, ob seine Rentiere alle an ihrer Stelle standen, die Päckchen gut verstaut waren, bekam von seiner Frau die große Liste all der Kinder, die sie beschenken wollten und noch einen Abschiedskuss, dann setzte er sich auf den Schlitten, rief laut „HoHoHo“ und „Hüü“ und mit einem kräftigen Ruck setzte sich der Schlitten in Bewegen.
Die Weihnachtsfrau winkte mit ihrem weißen Taschentuch und die Weihnachtswichtel schwenkten ihre roten Mützchen. Die Reise ging durch dunkle Wälder, über verschneite Berge und Wege. Irgendwann gab es eine kleine Rast, die Rentiere sollten ein wenig verschnaufen und der Weihnachtsmann musste mal in die Büsche, er hatte vor der Reise wieder einmal zu viel Kaffee getrunken. Die Rentiere waren losgebunden und durften ein wenig im Schnee scharren und die leckeren Grasflechten futtern.
Der Weihnachtsmann rief erneut „Hohoho“, das war das Zeichen, dass es weitergehen sollte und so kamen die Rentiere wieder zum Schlitten und ließen sich anbinden.
Doch halt, was war denn das, da blieb ein Platz leer. Fünf Rentiere waren angetreten zum Aufsatteln, doch waren es nicht sechs?
Der Weihnachtsmann rief „Bobo?“.
„Ja hier“, erschallte es aus der Dunkelheit.
Der Weihnachtsmann rief: „Jacko“, „Ja, hier“, schallte es zurück, der Weihnachtsmann rief „Fred“, „Hier“ ertönte es, der Weihnachtsmann rief „Franz“, „Jawoll, bin da“, der Weihnachtsmann rief „Otto“, „Jo, bin hier“ und der Weihnachtsmann rief: „Willi“, aber es kam keine Antwort.
Willi war nicht da, Willi war weg. Erst herrschte eine peinliche Stille, dann schnaubte nicht nur der Weihnachtsmann, auch die 5 Rentiere schnaubten hörbar und ziemlich ungehalten, das bedeutete Aufschub und die ganze Aktion würde länger dauern, was wiederum bedeutete, sie mussten Überstunden machen. Also rannten alle durcheinander, rannten hierhin und dorthin und riefen laut „Willi“. Doch es kam keine Antwort. Ratlos schaute der Weihnachtsmann in die Runde.
„Was ist hier los?“ „Ein Bär“, rief Fred und begann zu zittern, „Ein Wolf“, schrie Otto und stellte sich hinter den Weihnachtsmann, „Eine Falle“, flüsterte Jacko ängstlich.
Und so entschloss man sich mutig auf die Suche zu gehen.Alles stapfte durch den hohen Schnee und sie hatten Glück, die Nordlichter halfen bei der Suche mit und selbst der Mond hatte Mitleid mit der kleinen Gesellschaft und vor allem mit all den vielen Kindern, die auf ihre Geschenke warteten und strahlte in vollem Glanz die Lichtung an.
Der Schnee schimmerte hell zwischen den Bäumen und endlich entdeckte man Hufabdrücke dort, wo die Suchmannschaft noch nicht herum gewuselt war.
„Hier, alles hierher, hier sind Spuren“, rief Bobo.
Im Gänsemarsch folgte man den Hufabdrücken und, ja da stand er, der Willi und sah der Suchmannschaft entgegen. „Willi“, rief der Weihnachtsmann ächzend und nach Luft schnappend, der rote Mantel und die Kapuze waren zwar warm und mollig für die Kutsche, aber eben zu warm für einen unfreiwilligen Marsch durch den Wald.
„Willi, was machst du denn für Sachen, Junge, wir haben schon mit dem Schlimmsten gerechnet“.
„So, so, aha, warum“, fragte Willi bockig.
„Wie, wieso, wir dachten an Bären, an Wölfe, an Fallen, an Jäger, was soll das denn?“
„Ich mag nicht mehr an meinem Platz laufen“, sagte da Willi plötzlich und seine Stimme hörte sich gar nicht mehr bockig, sondern eher traurig an.
„Ich sehe ja gar nichts von der Menschenwelt, nach vorn kann ich nichts sehen und durch Otto kann ich auch nicht hindurchsehen und so renne ich nur und renne, dann stoppt der Schlitten, ruck zuck sind die Geschenke abgeladen und schon geht es weiter, ich möchte einmal, einfach einmal nur ganz vorne ziehen, da hinten macht das keinen Spaß“.
Der Weihnachtsmann kratzte sich am Kopf, die Mütze in der Hand.
„Aber Willi, wir haben doch nun schon seit Jahren die gleiche Reihenfolge, jeder hat hinter dem Schlitten seinen festen Platz, da gibt es kein Vertun, alles hat seinen Grund, alles seine Regel, alles seinen Sinn“.
„Wir können doch jetzt nicht einfach so alles ändern, wo kämen wir denn da hin?“
Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. Nein, das ging ja doch zu weit, alles hatte er genau geregelt, genau nach der Größe und der Kraft seiner Rentiere hatte er die Reihenfolge bestimmt, in der gleichen festen Reihenfolge kamen die vielen Päckchen in den Schlitten, zu immer der gleichen Zeit ging es los, immer die gleichen Wege entlang von Haus zu Haus. Und jetzt kam da einfach so ein Rentier auf die Idee, alles umzuschmeißen.
Doch Willi schüttelte nur traurig den Kopf: „Weihnachtsmann, Weihnachten ist doch ein Fest der Freude, aber mal ehrlich, wie kann ich mich freuen, wenn ich von all der Freude gar nichts zu sehen bekomme?“ Es war ganz still im Wald, der Mond leuchtete noch immer über der Lichtung und auch die Nordlichter tanzten den Himmel entlang. Und während der Weihnachtsmann langsam kopfschüttelnd zum Schlitten stapfte, steckten die anderen Rentiere die Köpfe zusammen. Ein Murmeln ging durch den Winterwald.
„Weihnachtsmann“, rief Bodo den Weihnachtsmann zurück, „Weihnachtsmann, bleib doch mal stehen, meinst du nicht, man könne mal so eine Regel ändern?“ „Wie meint ihr das?“
„Also wir wären bereit dazu, Willi kann vorn an meine Stelle, und ich gehe einfach nach hinten“.
„Ich tausche auch“, rief da Fred und Franz schrie: „Ich sowieso“ und Yacko rief leise: „Ich möchte, dass Willi glücklich ist, er kann auch mit mir tauschen“.
Und nachdem sie sich alle fest vorgenommen hatten, nunmehr jedes Jahr einmal alle die Plätze zu tauschen, und an diesem Weihnachten Willi ganz vorn ziehen durfte, ging es weiter und alle legten sich mächtig ins Zeug, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, besonders Willi brachte das „HoHoHo“ und „Hüü“ vom Weihnachtsmann richtig in Schwung. Regeln sind sicher wichtig, aber manchmal kann man auch damit Freude bereiten, so eine Regel ein klein bisschen zu lockern. Autor: Gudrun Kniep
- Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Eignet sich die Geschichte zum Vorlesen oder eher zum Selberlesen?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
- Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man diese Geschichte wählen?
Kurze einleitende Zusammenfassung der Wirkung
Die Geschichte "Das sechste Rentier" von Gudrun Kniep wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Weihnachtserzählung, entpuppt sich aber als charmante Parabel über Teamgeist und die Bedeutung von Empathie. Sie zeigt, dass selbst in einem perfekt durchorganisierten System wie der Weihnachtswerkstatt Platz für individuelle Gefühle und Flexibilität sein kann. Die Handlung vermittelt auf einfühlsame Weise, dass das Einhalten von Regeln zwar wichtig ist, aber das Glück aller Beteiligten manchmal eine kleine Änderung erfordert. Diese Botschaft hinterlässt ein warmes, zufriedenes Gefühl und regt zum Nachdenken über Fairness und Rücksichtnahme an – nicht nur zur Weihnachtszeit.
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Im Kern handelt "Das sechste Rentier" von der Spannung zwischen notwendiger Ordnung und menschlichem – oder tierischem – Bedürfnis. Der Weihnachtsmannbetrieb symbolisiert eine Welt, die auf Effizienz, Tradition und festen Abläufen basiert. Jedes Rentier hat seinen definierten Platz, der nach rationalen Kriterien wie Größe und Kraft vergeben wurde. Willi, das sechste Rentier, verkörpert das Individuum, das in diesem System unterzugehen droht. Seine Perspektive ist eingeschränkt, er erlebt keine Freude, sondern nur monotone Pflicht. Sein "Verschwinden" ist kein böswilliger Akt, sondern ein stummer Hilferuf, eine Notbremse.
Die entscheidende Wende wird nicht durch Autorität, sondern durch Solidarität erreicht. Der Weihnachtsmann, Vertreter der bestehenden Ordnung, ist zunächst ratlos und ablehnend. Die Lösung kommt von der Gemeinschaft der Rentiere selbst. Ihre Bereitschaft, die Plätze zu tauschen, transformiert das starre Regelwerk in eine lebendige, mitfühlende Praxis. Die neue Abmachung – jährlicher Tausch – institutionalisiert die Empathie, ohne das System zu zerstören. Die Interpretation legt nahe, dass wahre Freude (das eigentliche Ziel von Weihnachten) erst entstehen kann, wenn jeder Einzelne gesehen und wertgeschätzt wird. Die Geschichte ist somit eine feine Kritik an blindem Regelgehorsam und ein Plädoyer für situatives, einfühlsames Handeln.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine vielschichtige, insgesamt aber sehr herzerwärmende Stimmung. Zu Beginn herrscht die hektische, erwartungsvolle Atmosphäre der Weihnachtsvorbereitungen vor. Willis Unmut bringt dann eine leise Note von Melancholie und Unzufriedenheit in die Geschichte. Die Suchaktion nach dem verschwundenen Rentier steigert die Spannung zu besorgter Eile, die durch die nächtliche Waldkulisse mit Nordlichtern und Mondschein aber auch einen geheimnisvollen, märchenhaften Zauber erhält. Der Höhepunkt, das Gespräch auf der Lichtung, ist von ruhiger Ernsthaftigkeit geprägt. Die schließliche Einigung und die großzügige Geste der anderen Rentiere lösen alles in eine Stimmung tiefer Zufriedenheit, Verbundenheit und freudiger Erleichterung auf. Man fühlt sich am Ende getröstet und bestärkt in dem Glauben an das Gute im Miteinander.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich perfekt für die gemütliche Advents- und Weihnachtszeit, insbesondere in familiären oder freundschaftlichen Runden. Sie ist ein ideales Gesprächsanstoß für den Nikolaustag oder den Heiligabend, wenn es um Werte wie Teilen, Rücksicht und Dankbarkeit geht. Pädagogisch wertvoll ist sie auch im Kindergarten oder in der Grundschule, um Themen wie Gemeinschaftsgefühl, Fairness und das Einhalten bzw. Hinterfragen von Regeln zu besprechen. Darüber hinaus passt sie wunderbar zu jedem Anlass, an dem man in einer Gruppe über Teamarbeit und die Bedürfnisse Einzelner nachdenken möchte – sei es in einer Weihnachtsfeier im Verein oder sogar in einem ungewöhnlichen, aber passenden Firmenevent in der Vorweihnachtszeit.
Eignet sich die Geschichte zum Vorlesen oder eher zum Selberlesen?
"Das sechste Rentier" ist in besonderem Maße zum Vorlesen geeignet. Der Text besitzt einen natürlichen Erzählfluss und bietet durch die verschiedenen Charaktere – den besorgten Weihnachtsmann, das trotzige dann traurige Rentier Willi, die besorgten und später hilfsbereiten anderen Rentiere – großartige Möglichkeiten für betontes Vorlesen. Man kann die Stimme des Weihnachtsmanns voller, die der Rentiere mit unterschiedlichem Charakter versehen. Die spannende Suche und die emotionale Auflösung fesseln die Zuhörenden. Für geübte junge Leserinnen und Leser ab etwa der zweiten oder dritten Klasse ist die Geschichte aber auch gut alleine zu bewältigen und lädt dann zum stillen Genießen ein.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Zielgruppe der Erzählung sind vor allem Kinder im Alter von etwa vier bis neun Jahren. Jüngere Kinder ab vier Jahren verstehen die grundlegende Handlung – das Rentier ist traurig und die anderen helfen – und genießen die magische Weihnachtsmann-Atmosphäre. Kinder im Vorschul- und Grundschulalter bis etwa neun Jahre können die tieferliegenden Themen wie Ungerechtigkeit, Eifersucht, Solidarität und Kompromisse bereits gut nachvollziehen und diskutieren. Die Länge und der Satzbau sind für diese Altersgruppe angemessen. Auch ältere Kinder und sogar Erwachsene können an der einfachen Weisheit der Geschichte noch Freude haben.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Weniger geeignet ist die Geschichte für sehr junge Kinder unter drei Jahren, da die Handlung mit ihrem Konflikt und der Suchaktion für sie noch zu komplex und die Textlänge zu anspruchsvoll ist. Ebenso könnte sie für ältere Kinder oder Jugendliche, die bereits actionreichere oder komplexere Fantasy-Geschichten bevorzugen, als etwas zu simpel und moralisch eindeutig erscheinen. Wer eine rein traditionelle, auf den Weihnachtsmann und das reine Bescheren fokussierte Erzählung sucht, ohne psychologische oder soziale Untertöne, könnte mit der Geschichte weniger anfangen. Sie ist definitiv keine reine "Gute-Nacht-Geschichte" für müde Augen, sondern eine, die Aufmerksamkeit und vielleicht ein kleines Gespräch verdient.
Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man diese Geschichte wählen?
Wähle "Das sechste Rentier" genau dann, wenn du eine Weihnachtsgeschichte suchst, die mehr bietet als nur festliche Dekoration. Sie ist die perfekte Wahl für einen ruhigen Moment in der oft hektischen Adventszeit, in dem du mit Kindern über Gefühle sprechen möchtest. Ideal ist sie am Nachmittag des Heiligabends, wenn die Spannung steigt, oder am Weihnachtstag selbst, um die besinnliche Seite des Festes zu betonen. Nutze sie auch, wenn in einer Gruppe – ob Familie oder Schulklasse – Konflikte um Aufmerksamkeit oder "Plätze" aufgetaucht sind. Diese Geschichte wirkt wie ein literarisches Schlichtungsgespräch und hinterlässt alle mit dem Gefühl, dass Fairness und Zufriedenheit Hand in Hand gehen können. Sie ist ein kleiner Schatz für alle, die glauben, dass die wahre Weihnachtsmagie im Verständnis füreinander liegt.
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