Das schönste Geschenk

Das schönste Geschenk
Wir wohnten damals außerhalb von München, da, wo der Lärm und die Hektik der großen Stadt nicht mehr so vordergründig zu spüren sind. Recht beschaulich begann die Adventszeit am Nachmittag des ersten Adventssonntages mit einem Besuch bei unseren amerikanischen Freunden John und Mary ein paar Straßen weiter in der Siedlung. Wir hatten noch nie zuvor amerikanisches Weihnachtsgebäck gegessen. Mary hatte alles selber nach altem Rezept gebacken: etwas zu süss für meinen Geschmack; ich war der Weihnachtsbäckerei noch nie so so wirklich zugetan, im Gegensatz zum Rest der Familie, aber der Tee, in den man die Kekse eintauchte, bekam eine wohlschmeckende weihnachtliche Note, die zur sich langsam niedersenkenden Dämmerung passte.
Draussen hatte der Winter bereits sein weißes Kleid auf die Bäume des kleinen Gartens gelegt. Innen verbreitete das brennende Holz im offenen Kamin knisternd warme Gemütlichkeit. John und ich bewachten das Feuer aufmerksam.
Irgendwann bemerkten wir, dass der Vorhang an der großen Glastür einen Teil des Blickes zur Terrasse verdeckte. Als es dann später am Abend von dort hell wurde, hatten sie unsere Neugier geweckt.
Mary zog den Vorhang beiseite und wir blickten auf einen mit vielen hundert Lichtern geschmückten gut zwei Meter hohen Weihnachtsbaum, der in einem großen Topf seinen Platz auf der Veranda gefunden hatte. Wir staunten und saßen lange Zeit vor dem großen Fenster.
Später gingen wir schweigend durch den inzwischen doch sehr tiefen Schnee heim und wurden uns bewusst, dass wir einen der ersten mit Lichtern behangenen Weihnachtsbaum im Ort gesehen hatten, oder hatten wir schon gar nicht mehr darauf geachtet, waren doch die Geschäfte seit Wochen mit Weihnachtsartikeln und entsprechend glitzernder Dekoration überfüllt.

Der zweite Adventssonntag kam und irgendwie freuten wir uns wie kleine Kinder, dass John und Mary auch diesen Nachmittag mit uns feiern wollten. Wieder gab es Gebäck, wieder Tee und wieder die wohltuende Wärme vom Kamin. Genauso wie den zugezogenen Vorhang an der Terrassentür. Diesmal dauerte es etwas länger, bis John den Vorhang zur Seite zog. Wir staunten nicht schlecht, hatten sich zu der fast unendlichen Zahl von kleinen Lichtern jetzt Unmengen kleiner und großer Sterne gesellt. Erst heute sah ich, dass der Baum ganz oben am Ende, wo der größte Stern saß, einen kleinen Knick im Stamm hatte, fast so, als ob er sich ein klein wenig vor uns verneigen wollte. Ein wunderbarer Anblick, der uns wieder für lange Zeit gefangen hielt.

Am dritten Adventssonntag waren wir zum Abendessen eingeladen. Mary servierte feine Pastetchen gefüllt mit einem wohlschmeckenden und wärmenden Hühnerfrikassee. Jetzt gab es für mich kein Halten mehr. Ich ass mich richtig satt. Meine Geschwister staunten über meinen Appetit. Natürlich warteten wir gespannt darauf, dass der Vorhang auch diesmal irgendwann den Blick auf den Weihnachtsbaum freigab. Ein Meer rotglänzender Christbaumkugeln leuchtete uns entgegen, in denen sich die vielen Lichter hundertfach widerspiegelten. Wir konnten unsere Blicke lange nicht lösen und machten uns tief beeindruckt auf den Heimweg. So einen schönen Weihnachtsbaum will ich auch haben, sagte ich ganz leise vor mich hin. Papa legte mir den Arm um die Schulter und lächelte.

Der vierte Adventssonntag blieb ohne Einladung und irgendwie entstand eine Leere, mit der ich so gar nicht zurecht kam. Wir waren jetzt jeden Nachmittag mit der eigenen Weihnachtsbäckerei beschäftigt und so verging die Zeit bis zum heiligen Abend doch nicht ganz so zäh wie befürchtet.
Am Nachmittag des 24. Dezember ging es dann erstmal in die Kirche, wo wir der Weihnachtsgeschichte, die wir ja alle schon lange kannten, zuhörten, und Weihnachtslieder, die noch keiner kannte, zu singen versuchten. Leider fanden die alt vertrauten Melodien immer seltener Einzug in unsere modernen Gottesdienste, was letzteren ihren Charme und ihre feierliche Stimmung nahm.
Mein Papa sah mich beruhigend an. Ich wußte, er würde daheim nachholen, was mir jetzt so gefehlt hatte, und ich freute mich auf die schönen Lieder vergangener Jahre.
Als wir zu Hause ankamen, nach einem Fußmarsch durch eisige Straßen und vorbei am Haus unserer amerikanischen Freunde, begann die Wartezeit bis zur Bescherung, in meinen Augen das längste und unsinnigste Herumsitzen des Jahres.
Dann kam er, der große Moment, der Moment, auf den jedes Kind jedes Jahr sehnsüchtig wartet. Wir standen alle vor der Wohnzimmertür deren getönte Glasscheibe von innen verhängt worden war, so dass nur ein schwacher Lichtschimmer hindurch drang.
Endlich läutete von innen das Glöckchen und die Tür zum
Wohnzimmer wurde geöffnet.
Wir drängten uns an den Erwachsenen vorbei in den hell erleuchteten Raum. Am Boden türmten sich große und kleine Päckchen und über allem thronte strahlend ein Weihnachtsbaum. Einer, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Hunderte kleiner Lichter beleuchteten endlos viele Sterne und funkelten in unzählig vielen roten Christbaumkugeln. Wir waren geblendet von dem strahlenden Anblick. Plötzlich bemerkte ich, leicht verdeckt durch den großen Stern, einen leichten Bogen kurz vor der Spitze des Baumes, fast so, als wolle der sich ein wenig verneigen. „Papaaaa“, rief ich und schaute ihn fragend an. Er sah wohlwollend zu mir herunter und schien sich ebenfalls leicht zu verbeugen. Da wusste ich, dass er wusste, was ich jetzt wusste. Ich glaubte in seinen Augen ein paar Tränen der Rührung auszumachen. Ja, es musste so sein, denn seine Augen spiegelten den Glanz des Baumes auf wunderbar klare Weise wieder.
Dann rief auch meine kleine Schwester voller Entzücken und Freude: „Das ist ja unser Baum! Oh Danke! Danke, John und Mary!“

Wir waren uns sicher, ein schöneres Weihnachtsgeschenk hatte es nie zuvor und auch danach nicht mehr gegeben.

Autor: Christoph Heptner

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