Der Tag, an dem ich den Weihnachtsmann einfing

Der Tag, an dem ich den Weihnachtsmann einfing
Schon als kleiner Junge hatte ich einen großen Traum: Ich wollte den Weihnachtsmann kennen lernen!

Stets blieb ich auf, um auf ihn zu warten, doch immer wieder schlief ich ein und fand mich am nächsten Morgen in meinem Bett wieder.
Der Weihnachtsmann war natürlich schon da gewesen, die Kekse waren alle und die Geschenke lagen unter dem Tannenbaum!

Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, es auf eine andere Art zu versuchen. Ich wusste, wann meine Eltern ins Bett gehen würden und beschloss, erst danach aufzustehen. Meinen Wecker – den ich sonst für die Schule brauchte – hatte ich bereits gestellt und ging so – zur Verwunderung meiner Eltern – am Abend brav ins Bett.

Nachdem der Wecker geklingelt hatte, überzeugte ich mich davon, dass meine Eltern schliefen und schlich ins Wohnzimmer.
Dieses Mal würde ich den Weihnachtsmann treffen, denn ich hatte eine Idee! Aus Drachensehne wollte ich am Kamin eine Stolperfalle bauen, damit der Weihnachtsmann Krach machen würde – nur für den Fall, dass ich wieder einschlafen sollte. Wenn ich noch wach war, konnte ich ihn ja warnen, damit er nicht stolpert!
Gesagt, getan!
Ich spannte die Schnur, legte mich anschließend auf den Teppich und wartete.

Obwohl ich versuchte, wach zu bleiben, schlief ich nach einiger Zeit wieder ein.

Johohoooaaaaargh!
Wums! Klirr! Schepper!
Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllte das Wohnzimmer und schreckte mich aus dem Schlaf.
Ich riss die Augen auf.
Direkt vor meinem Gesicht war eine riesige Masse weißen Bartes und zwei kleine schwarze Äuglein schauten mich nicht gerade freundlich an.
„Ich schätze mal, diese Bruchlandung habe ich dir zu verdanken!“ knurrte mich der weiße Bart an.
„Und jetzt willst du wahrscheinlich auch noch Geschenke von mir haben?“
Ich starrte in das Gesicht des bärtigen Mannes. Ich war mir sicher, dass er es war, trotzdem fragte ich ihn, um sicher zu gehen.
„Bist du.....der Weihnachtsmann?“
„Ja!“ knurrte der Bart „Und ich frage mich gerade, warum ich jedes Jahr wieder in mindestens einer dieser Kinderfallen hängen bleibe!“
Stöhnend und ächzend richtete sich der Weihnachtsmann auf, reckte und streckte sich und sah mich dann vorwurfsvoll an.
„Wie kommst du eigentlich auf diesen dummen Gedanken, eine Falle zu bauen? Bisher hast du das doch auch nicht gemacht! Ich kenne doch die Häuser, wo solche Kinder wohnen, warum ...“
Ich sah ihn mit großen Augen an und konnte es immer noch nicht glauben! Vor mir stand wirklich und wahrhaftig der Weihnachtsmann! Und er sah genau so aus, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe. Er war groß, fast zwei Meter, hatte einen kugelrunden Bauch, einen roten Mantel und einen wallenden weißen Bart, der sein Gesicht fast völlig bedeckte.
Ich merkte, dass mir vor Staunen der Mund offen stand und schloss ihn.
Der Weihnachtsmann unterbrach seinen vorwurfsvollen Redeschwall und sah mich an.
„Hörst du mir überhaupt zu?“ fragte er mich.
Als ich nicht antwortete, schüttelte er den Kopf.
„Immer dasselbe. Ich kann reden, soviel ich will, kein Kind hört mir zu, wenn es mich sieht. Und außerdem kann ich keinem Kind lange böse sein!“ sagte er grinsend.
Ich stand ebenfalls auf, schritt auf ihn zu und fasste schüchtern seinen roten Mantel an.
„Ja, ich bin echt! Du träumst nicht!“ sagte der Weihnachtsmann zu mir.
Er schritt zum Tannenbaum, öffnete seinen großen Sack und begann; die Geschenke auszupacken. Bei jedem Paket, das er herausnahm, sah er auf das Namenschildchen und legte es unter den Baum.
Bei einem der Pakete blickte er mich etwas komisch an, legte es aber dann doch nach einigem Zögern zu den anderen.
Langsam fand ich meine Stimme wieder.
„Wie kann es sein,“ fragte ich den Weihnachtsmann, „dass alle Geschenke in den großen Sack passen?“
„Tun sie nicht!“ brummte er. Ich muss immer mal wieder zurück zum Nordpol und den Schlitten neu beladen lassen.“
„Du wohnst also wirklich am Nordpol? Hast du dort Elfen und Kobolde, die dir helfen? Hast du wirklich so viele Rentiere?“
Die Fragen sprudelten nur so aus meinen Mund.
Der Weihnachtsmann drehte sich zu mir um und rollte mit seinen Augen.
„Schon gut, schon gut! Bevor ich hier Stunden damit verbringe, alle deine Fragen zu beantworten und es nicht schaffe, die Weihnachtsgeschenke auszuliefern, schaust du dir am besten alles selbst an. Wie ich arbeite, wo ich wohne und wer mir hilft!
Bist du einverstanden?“
Mir hatte es die Sprache verschlagen und der Mund stand mir erneut weit offen! Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!
Der Weihnachtsmann schulterte seinen Sack und nahm mich bei der Hand
„Hohoho!“ rief er und sein Bauch wackelte gefährlich. „Auf geht’s zum Nordpol!“
Wir schritten zum Kamin und – schwupp! – waren wir durch den Kamin aufs Dach gerauscht. Und dort stand er, der Schlitten des Weihnachtsmannes, gezogen von zwölf Rentieren! Und ganz vorne, da war Rudolf, das Rentier mit der roten Nase! Ihr könnt mir glauben, ein solches Rot habt ihr noch nie gesehen.
Der Weihnachtsmann hob mich hoch, so dass ich den Schlitten besteigen konnte, dann kam auch er hinauf.
Der Schlitten neigte sich bedenklich, doch dann saß der Weihnachtsmann neben mir, ergriff die Zügel und los ging es!
Schwupp!
Und im nächsten Augenblick waren wir am nächsten Ziel des Weihnachtsmannes angekommen.
„Ein paar Sachen muss ich noch abladen, aber dann geht’s los!“ zwinkerte er mir zu.
Plopp – verschwand der Weihnachtsmann im Kamin und – plopp – war er wieder da! So ging es noch ein paarmal, aber dann warf er endlich den leeren Sack nach hinten.
„Johohohooooo! Nach Hause!“ rief der Weihnachtsmann. Die Rentiere zogen an und der Schlitten raste schließlich mit einem unglaublichen Tempo durch die Nacht!
„Wie ..“
Weiter kam ich nicht!
„Magie!“ sagte der Weihnachtsmann, „Alles funktioniert mit Magie! Wie sonst könnten Tausende von Geschenken in einen kleinen Sack passen? Wie sonst könnten Rentiere fliegen? Oder ein soooo gewaltiger Mann wie ich durch einen kleinen, schmalen Schornstein kommen?
Aber das alles ist nichts, gegenüber der Magie, welche du gleich kennen lernen wirst!“
Und dann sah ich, was er meinte: Direkt vor uns am Horizont begann es, geheimnisvoll und hell zu leuchten.
Er beugte sich zu mir rüber und flüsterte mir zu: „Dieses Leuchten können außer mir nur die Kinder sehen! Und auch nur am Weihnachtstag!“
Je näher das Leuchten kam, desto neugieriger wurde ich. Was war das nur, worauf wir zuflogen?
Und dann traute ich meinen Augen nicht! Wie aus dem Nichts kam plötzlich eine ganze Stadt auf mich zu! Und sie stand mitten im ewigen Eis des Nordpols!
Ich sah herrliche Häuser, bunt geschmückte Tannen und hörte eine Musik, so schön, wie ich sie vorher noch nie vernommen habe.
Zügig flogen die Rentier über das festliche Treiben unter uns und strebten auf das große, hell erleuchtete Haus auf dem kleinen Hügel zu, der mitten in der Stadt lag.
Der Schlitten landete sanft vor einem großen Tor, welches sofort aufging. Heraus kamen mehrere Kobolde und Elfen und sie trugen einen neuen Sack, voll mit Weihnachtsgeschenken für die Kinder auf der ganzen Welt.

„So.“ sagte der Weihnachtmann und hob mich vom Schlitten, „Während die Rentiere gefüttert werden und der Schlitten neu beladen wird, zeige ich dir mein Haus und die Werkstatt, wo meine kleinen Helfer die Weihnachtsgeschenke herstellen.“
Und so führte er mich durch das Haus. Er zeigte mir das Wohnzimmer, wo ein riesiger Kamin stand und wo – wie er mir verriet – die Wunschzettel der Kinder ankommen. In seinem Schlafzimmer stand ein riesiges Bett und in der Küche
brutzelte schon ein Braten für den Weihnachtsmann, den er verspeisen wollte, sobald alle Kinder beschenkt waren.

Zuletzt zeigte er mir die große Halle, wo die Geschenke gefertigt wurden.
„Normalerweise ist diese Halle voll von Kobolden, Elfen und Feen, welche die Geschenke herstellen und verpacken,“ sagte der Weihnachtsmann, „doch heute ist Weihnachten und so sind alle, die nicht am Schlitten zu tun haben, unten beim Fest.
Möchtest du auch dahin?“
„Jaaaa!“ rief ich begeistert, „Ich möchte mitfeiern!!“
„Na gut, aber du musst mir dafür ein Versprechen geben.“ Der Weihnachtmann sah mich erst an.
„Du stellt mir NIE wieder eine Falle!“
Tja, da meldete sich doch glatt mein schlechtes Gewissen. Mit hochrotem Kopf – der verdächtig an das Rot vom Mantel des Weihnachtsmannes herankam – versprach ich, ihm, dem Weihnachtsmann, nie wieder eine Falle zu stellen.
„Dann darfst du jetzt zum Fest in die Stadt. Amüsiere dich dort gut. Aber wenn ich das nächste Mal komme, muss ich dich nach Hause bringen, sonst verpasst du noch Weihnachten!“

Und so ging ich in die Stadt, während der Weihnachtsmann weiter Geschenke auslieferte. Überall wo ich hinkam, tanzten und lachten die kleinen Elfen und Kobolde und so manche Fee schwebte singend an mir vorüber. Überall gab es Süßigkeiten, Nüsse und Obst und alles war so schön mit Tannengrün, bunten Kugeln, Girlanden und Kerzen geschmückt.
Es war herrlich, so zwischen den kleinen Häusern herumzuschlendern und sich von den Süßigkeiten das zu nehmen, die man mag.
Bald war ich so vollgestopft mit Lebkuchen, Nüssen und Schokolade, dass ich einfach nicht mehr essen konnte!
Schließlich nahm mich eine Elfe bei der Hand und zog mich zu den vielen tanzenden kleinen Geschöpfen hinüber und ehe ich mich versah, tanzte ich mit den anderen Kobolden, Elfen und Feen um den größten Weihnachtsbaum in der ganzen Stadt.
Die Zeit verging wie im Flug und ich merkte nicht, wie die Stunden verrannen.
Doch auch die schönste Zeit hat leider irgendwann ein Ende. Und so stand dann plötzlich der Weihnachtsmann wieder vor mir und sah mich mit einem breiten Lächeln an.
„Na, mein Junge, ich hoffe, es hat dir hier gefallen und du hattest viel Spaß! Aber jetzt muss ich dich wieder nach Hause bringen!“

Er nahm mich bei der Hand und wir gingen zum großen Haus des Weihnachtsmannes zurück, wo der Schlitten wartete – erneut mit einem riesigen Sack voller Weihnachtsgeschenke beladen.
Einerseits war ich traurig, weil ich wieder weg musste, doch ich war auch glücklich, denn welches Kind lernt schon den Weihnachtsmann persönlich kennen und darf mit ihm zum Nordpol reisen.
Aber ich wusste auch, dass ich irgendwann wieder nach Hause musste, wo meine Eltern waren und wo ja auch Weihnachtsgeschenke auf mich warteten.
Zum Schluss kam noch einer der kleinen Kobolde auf mich zu und reichte mir ein Abschiedsgeschenk.
„Diese magische Schneekugel bekommen alle Kinder, die der Weihnachtsmann mitbringt. Bewahre sie gut auf, denn auch sie ist agisch und sie soll dich immer an uns erinnern!“ sagte er und gab mir die Schneekugel.
Dann hob mich der Weihnachtsmann hoch und setzte mich in den Schlitten. Als auch er oben war, ergriff er die Zügel und rief:
„Johohooooo! Auf! Auf! Die Kinder warten!“
Die Rentiere sprangen vorwärts und der Schlitten hob ab. Wir gewannen rasch an Höhe und ich warf noch einen letzten Blick auf die Häuser unter uns.

Die Stadt des Weihnachtsmannes blieb hinter dem Schlitten zurück und das Leuchten, welches die Stadt umgab, verschwand. Die Rentiere zogen den Schlitten nach Süden, dorthin, wo ich wohnte.
Ich wollte den Weihnachtsmann noch etwas fragen, doch ich kam nicht mehr dazu. Ich gähnte herzhaft und schlief ein.

„Schau dir das an!“
Diese Stimme war ganz eindeutig nicht der Weihnachtsmann, sie gehörte meinem Vater.
„Da hat sich dieser Lausebengel doch tatsächlich letzte Nacht hinuntergeschlichen und ist vor dem Weihnachtsbaum eingeschlafen!“
Ich öffnete meine Augen. Vor mir der Tannenbaum, darunter die Geschenke, vom Weihnachtsmann keine Spur.

Hatte ich alles nur geträumt? War ich gar nicht am Nordpol gewesen und hatte ich auch nicht mit Elfen und Feen getanzt?

Traurig ging ich in die Küche zum Frühstück. Obwohl es meine Lieblingsbrötchen mit meiner Lieblingsmarmelade gab, hatte ich irgendwie keinen Hunger.
Weihnachtsstimmung kam bei mir den ganzen Tag nicht auf.

Als ich am Abend dann die Weihnachtsgeschenke auspackte, hatte sich meine Traurigkeit kaum gebessert und meine Eltern wunderten sich darüber, wie wenig ich mich über die Geschenke freute.

Dann war nur noch ein Geschenk übrig.
Irgendwie kam es mir bekannt vor. War es nicht das Paket, bei dem mich der Weihnachtsmann so komisch angesehen hatte?
Die Schneekugel, die davor lag, kam mir auch irgendwie bekannt vor. Ich hob sie hoch und sah hinein.
Der Schnee fiel, obwohl ich sie nicht geschüttelt hatte.
Ich sah mir die Schneekugel genauer an. Im Inneren erkannte ich die Stadt des Weihnachtsmannes wieder, sein Haus, den Festplatz und den großen Tannenbaum, um den ich getanzt hatte.
Und mir war so, als ob ich winzige Gestalten um diesen Baum herum tanzen sehen konnte. Und beim Haus stand ein winziger Weihnachtsmann und winkte mir zu. Ich spitzte die Ohren und war mir sicher sein „Hohoho!“ zu hören!
Ein großes Glücksgefühl durchströmte mich, denn jetzt wusste ich, dass ich nicht geträumt hatte!
Ich legte die Schneekugel beiseite und riss das Geschenkpapier von dem großen Paket herunter und hervor kam – eine elektrische Eisenbahn, wie ich sie mir schon lange gewünscht hatte!
Mit Hilfe meines Vaters baute ich sie noch am selben Abend auf und wir spielten bis tief in die Nacht.
Was für ein herrliches Weihnachtsfest!

Eines hatte ich meinen Eltern nicht verraten:
Ich hatte den Weihnachtsmann getroffen! Und das war das schönste Weihnachtsgeschenk!

Heute, viele Jahre später, denke ich noch immer gerne an dieses Weihnachtsfest zurück.

Mein Versprechen habe ich gehalten und so habe ich nie wieder versucht, den Weihnachtsmann zu fangen, ich wusste ja jetzt, dass es ihn gab und wo er wohnte.

Und die Schneekugel, die mir der Kobold geschenkt hatte, die habe ich noch heute. Sie ist einer meiner größten Schätze und wird mich immer an das schönste Weihnachtsfest meines Lebens erinnern. Während sie das ganze Jahr über nur eine ganz normale Schneekugel ist, erwacht ihre Magie an jedem Weihnachtstag und man kann – wenn man ganz genau hinschaut – das große Weihnachtsfest am Nordpol sehen.

Ende

Autor: Andreas Finke

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