Ein Engel kommt selten allein

Ein Engel kommt selten allein
Es geschah im Winter 1957; das Fest der Liebe hatte wieder einmal unsere Herzen erobert, mit anderen Worten: Der Heilige Abend war angebrochen, und ich freute mich riesig auf die vor uns liegenden Feiertage.
Wir verzehrten gegen Mittag nur ein paar belegte Brötchen; denn vor der Bescherung am Abend sollte es Fisch mit Kartoffelsalat geben, den Mutter herzhaft zuzubereiten verstand.
Gleich nach dem Essen brachte Vater den Tannenbaum in die Stube und bemühte sich redlich, seinen Stamm dergestalt zu stutzen, dass er exakt in den Christbaumständer passte und hundertprozentigen Halt hatte, denn wir schmückten „unseren Baum“ stets mit roten Wachskerzen. Bei dieser Prozedur zerbrach eine Strebe, worüber Mutter nicht nur sehr unglücklich war, sie regte sich auch fürchterlich darüber auf. Ein Weihnachtsfest ohne Tannenbaum war für sie unvorstellbar. Schon Tage zuvor hatte sie die Christbaumkugeln poliert und das Lametta vom Vorjahr entwirrt und sorgsam aufgebügelt.
„Vielleicht hat der Spielzeugladen in der Hauptstraße noch geöffnet“, sagte Vater. „Dort gibt es gewiss auch Tannenbaumständer zu kaufen. Wir könnten Hannah schicken.“ Mir fuhr ein eisiger Schreck durch die Glieder, nicht allein deshalb, weil es an jenem Dezembertag frostig wie schon lange nicht mehr war; der Weg in die Stadt hinein und wieder zurück würde Stunden dauern; denn die Bürgersteige waren mit gefrorenem Schnee bedeckt, der wie spiegelglattes Firneis unter einer müden Wintersonne lag, und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Dunkelheit käme. Ich hätte viel lieber in einem der Bücher gelesen, die Vater mir am Vortag aus der Bibliothek mitgebracht hatte.
Mutter half mir in den Anorak und drückte mir eine Stofftasche in die Hand, in deren Tiefe ihre Geldbörse lag. Ich wagte nicht aufzubegehren ‑ es hätte ohnehin nichts genützt ‑ und machte mich auf den Weg in die Stadt. Schon nach wenigen Minuten drang die Kälte durch meine Fausthandschuhe, und meine Füße fühlten sich wie Eisklumpen an.
Als ich das Geschäft in der Hauptstraße endlich erreicht hatte, war ich bis auf die Knochen durchgefroren. Ich betrat den Laden, und die Glocke schlug mit einem Kinderlied an, das wir früher im Hort gesungen hatten.
In dem kleinen, mit buntem Holzspielzeug vollgestellten Raum war es wohlig warm, und meine Hände und Füße begannen schmerzhaft zu kribbeln. Aus einem Nebenraum trat ein Mädchen, das in meinem Alter sein mochte: die Tochter des Ladeninhabers. Sie trug ein buntkariertes Kleid mit weißem Spitzenkragen und wollene weiße Strümpfe. Ihr dichtes schwarzes Haar umrahmte ihr hübsches Gesicht und fiel in sanften Wellen auf die Schultern herab. Ich hingegen trug Manchesterhosen unter meinem Kattunkleid, und mein Gesicht fühlte sich an, als sei es ganz und gar blaugefroren. Meinen Pony, der unter der Kapuze hervorschaute, wähnte ich über und über mit Raureif bedeckt.
„Was darf’s denn sein, Kleine?“, fragte Herr Solms, der Geschäftsinhaber, freundlich, und ich brachte schüchtern meinen Wunsch hervor. Herr Solms nickte verständnisvoll und zog sich in den kleinen dunklen Raum zurück, der hinter der Ladentheke lag. Seine Tochter lächelte mich an und ich schaute freundlich zurück. Gleich darauf tauchte Herr Solms wieder auf, mit einem Christbaumständer, der dem unseren aufs Haar glich. Er schlug ein weißes Blatt Seidenpapier um das gusseiserne Gestell und sagte: „Fünf Mark, bitte.“ Ich zog mit klammen Fingern den Zwanzigmarkschein aus Mutters Geldbörse und schob ihn über die Ladentheke. Herr Solms kassierte und zählte drei silberne Fünfmarkstücke in meine Hand.
Ich trat aus der Ladentür – in ein dichtes Schneegestöber hinein. Mit meiner nackten linken Faust umklammerte ich die Silbermünzen, die Handschuhe hatte ich zusammen mit Mutters Geldbörse und den Christbaumständer in die Stofftasche gleiten lassen.
Gedankenversunken tapste ich durch den Neuschnee, der sich so sanft auf den alten Firn niederließ, als wolle er eine Wunde abdecken.
Die Abenddämmerung sickerte unaufhaltsam in die Straßen, aber der Schnee milderte die Unwegsamkeit der Finsternis, und ich befand mich noch immer in der Stadt, wo viele Fenster derweil im Kerzenglanz erstrahlten. Mir wollte das schöne Spielzeug nicht aus dem Sinn, und ich dachte voller Entzücken an das prächtige Holzpferd, mit dem ich am liebsten nach Hause galoppiert wäre. Es ließe sich im Handumdrehen in ein Schaukelpferd verwandeln, hatte mir Herr Solms verraten, der meinen sehnsüchtigen Blick richtig zu deuten wusste.
Irgendwann, die Stadt lag längst hinter mir, entdeckte ich voller Entsetzen, dass ich das Wechselgeld verloren hatte. Meine eiskalte, leere Hand hatte sich in die Anoraktasche geflüchtet, mit der linken hielt ich krampfhaft die Schlaufen der Stofftasche fest.
Ein bleicher Mond und wenige, kraftlose Laternen erweckten den Anschein, als wüssten sie um ihre Entbehrlichkeit an jenem Abend, an dem ein jeder einen Platz an einem warmen Ofen gefunden haben sollte.
Ich streifte die Fausthandschuhe über, machte kehrt, und zog mit meinen Stiefeln Furchen durch den Schnee, um die Geldstücke aufzuspüren – vergeblich. Das Weihnachtsfest, auf das ich mich wochenlang gefreut hatte, schien unwiederbringlich verloren. Vater und Mutter würden heftig mit mir schelten, weil ich wieder einmal in Tagträumereien versunken war. Vielleicht bekäme ich keine Geschenke, obwohl ich mir das ganze Jahr hindurch nichts Nennenswertes hatte zuschulden kommen lassen.
Ich wünschte mich in den Laden zurück, zu Herrn Solms Tochter, die gewiss unter einem strahlenden Tannenbaum saß und wunderschöne Geschenke auspackte. Aus der Ferne leuchteten die Fenster der Strohdachkate von Bauer Lehnhardt, unserem Nachbarn, zu mir herüber, und mir liefen Tränen über die Wangen – vor Scham über meinen Leichtsinn und weil ich an „das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ denken musste, das in der eisigen Kälte nur Pantoffeln an den nackten Füßen trug und jämmerlich erfroren war, als sich aus dem Dämmergrau des Schneetreibens eine hoch gewachsene, schlanke Frauengestalt löste. Sie stand neben einem Schlitten, auf dem eng aneinander geschmiegt vier Kinder saßen; einen kleinen, höchstens dreijährigen Buben hielt sie fest an sich gepresst auf dem Arm. Sie winkte mich herbei, und ich trat zögernd näher und blickte in das gütigste Gesicht, in das ich jemals hineingeschaut habe. Unter der Kapuze ihres ärmlichen Umhangs quollen silberhelle Locken hervor, die in die bleiche hohe Stirn fielen. Sie streckte ihre Hand aus, in deren Mulde drei Fünfmarkstücke lagen, und sagte: „Schau, Kleine, unser Weihnachtsgeschenk für dich.“ Ich war vor Ehrfurcht und Überraschung wie gelähmt und rührte nicht einen Finger. Die Fremde lächelte und ihre Lippen formten die Worte: „Ein frohes Weihnachtsfest für dich und deine Eltern. Geh nun heim.“
Vater stand vor der Haustür und nahm mir die Stofftasche ab. Ich hatte mich neben dem warmen Ofen verkrochen und wartete auf ein Donnerwetter, als ich Mutter verwundert sagen hörte: „Sieh an, wie preiswert Herr Solms seine Waren verkauft; der alte Christbaumständer war viel teurer.“ Sie hatte ihre Geldbörse ausgeleert, und ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen: Auf dem Tisch lagen drei glänzende Silbermünzen.

Autor: Annelie Kelch

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