Nur Einmal

Nur Einmal
Gerd, eine verkrachte, eine verbrauchte Existenz. Nicht jung, nicht alt, einfach so mitten drin. Perspektiven – Ok ja, das klingt so süß, wie das chinesische Wispern einer jugendlichen Geisha, doch mit seinem Leben hat das NICHTS – rein gar NICHTS zu tun.

Seit einem Monat ist er wieder auf der Straße – den langen Sommer - der verregnet war, war er mal wieder im Bau. Dort ging es ihm gut. Frühes Wecken, Rundgang, Ausruhen, Mittag, Psychologengequatsche, Vorbereitungsrunde auf Draußen, Abendessen, Wegschluss, und die Nacht über das Geräusch vom Ghettobluster aus der Nachbarzelle. Gerd wusste schon seit seinem 10. Lebensjahr, dass sein Leben keines sein würde.

Sein Vater kam aus einem beruflichen Auslandsaufenthalt in Nordkorea nie zurück. Es kam die Kündigung des Chefs an die Adresse der Mutter, es kam die Kündigung des Zuhauses direkt an ihn, denn seine Mutter war schon auf dem rot beleuchteten Wohnwagenplatz im Wagen Nummer 4 und profilierte sich durch Einsatz am Mann, dessen Vergütung in Wodka durch ihre Kehle floss.

Seine Mutter war hin. Ihre undefinierbare Sprache kotzte ihn an, dass er beschloss, eine Brücke als sein neues zu Hause zu annektieren. Doch dort herrschten Regeln. Eine Brücke gehört einem nicht allein. Dieses Dach muss man sich bei Regen und überhaupt mit Vielen teilen. Es wurde hart geteilt, und die Neuen mussten sich erst ihren Platz verdienen.

Gerd war fleißig und ihm half dabei, dass man ihn nie richtig wahrnahm. Seine Eltern hatten ihn nicht wahrgenommen, deshalb haben sie ihn auch nicht verlassen. Ein Nichts - kann man nicht verlassen. Er war so viel Nichts, dass er nicht jemand war, er war eigentlich irgendwie sächlich. Und da man diese Sache nicht registrierte, verschwand sein Äußeres, sein Hemd, seine Hose, seine Jacke – chamäleonhaft an den Häuserfassaden, die er bei seinen Streifzügen entlang huschte.

Die roten Schuhe die er trug – ein letztes Erinnerungsstück an seine Mutter aus dem roten Milieu, rannten oft mit ihm den Bürgersteig entlang, wenn er mal wieder seine Taschen mit fremdem Gut gefüllt hatte, um einen Brückenplatz in Windstille zu erkaufen. Die roten flitzenden Schuhe waren sein Stolz und gleichzeitig der Verrat. Ja – der Verrat. Ein Mahnmal. Von Vater und Mutter verraten. Nun das Wesen mit den roten Schuhen. Nicht Mensch, nicht Tier – lediglich das Wesen. Gesucht, gejagt, gefangen mit und wegen den roten Schuhen.

Doch die Zeit war vorbei. Er wollte nicht mehr in den Bau. November, der Bewährungshelfer oder auf Neudeutsch Eingliederungshelfer, hat Gerd in einer geheizten Gemeinschaftsunterkunft untergebracht. Jetzt brauchte er nur noch einen Job.

Gerd las, und das viel. Ihm, als ehemaliger Insasse, fiel dies nicht schwer. Er hatte in den Jahren hinter den Mauern endlich lesen gelernt. Dieses Lesen öffnete die Türen und Fenster, die eigentlich verriegelt und vergittert waren. Seine Empfindungen übertrafen seine Träume, die sich bei Märchen und Reiseberichten ins Tausendfache multiplizierten. Überall war er schon gedanklich die Welt besuchen, doch die hatte ihn schon oft enttäuscht. Seine Wünsche flogen die Milchstraße entlang zum Wolkenschloss des Weihnachtsmanns und der Elfen. Wenn er dort war, war Licht, war Frieden. Da oben waren nicht die von hier unten, da oben waren die - H e r z l i c h e n.

Also, Gerd las. Er las die Palette, die kostenlose Wochenschrift mit den Kleinanzeigen. Den Kleinanzeigen für Jobs, Hilfsjobs. Aber egal, Geld muss her und das legal. Diese kleine Anzeige mit dem Doppelrahmen und dem Text: „Weihnachtsmänner gesucht – bevorzugt mit Rauschebart. Einarbeitung gewährleistet!“ Dann kam die Telefonnummer.

Gerd fühlte sich seinen Bart, den er sich nur wachsen ließ, um einen Platz im Eingliederungscamp zu bekommen. Da waren die Vielen aus dem Nahen Osten, die auch die langen Bärte hatten und denen dieses Camp ein neues Zuhause gab. Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt waren nicht mehr bezahlbar, und die Brücke war so abgewohnt und dreckig, dass es Gerd nur noch ekelte. Er schlief in der Unterführung vom Innenhafen zum Außenhafen, und hatte die öffentliche Toilette in der Nähe. Er putzte diese täglich freiwillig, dafür durfte er an stürmischen Tagen in deren Räumlichkeiten schlafen.

Gerd sah, die Neuen mit den Bärten bekamen ein richtiges Dach, Essen und Fürsorge. Er fragte seinen Bewährungshelfer: „Warum nur die?“ – Der Gutmensch sagte: „Lass dir einen Bart bis zur Brust wachsen, dann bekommst du Essen und ein Bett!“ Der Helfer ging hämisch lachend davon, aber die Antwort blieb. Sie blieb in Gerd und drückte ihm schier die Barthaare aus dem Gesicht. Gerd fing an sich in den Schaufensterscheiben zu gefallen, und so zog er mit der nächsten Traube aus dem Sonderbus von Neumünster kommend, in das Camp ein. Er bekam Decken, Essen, ein Bett im Trockenen und das noch, nahe der warmen Küche. Es gab Kleidung, Bücher und neue Schuhe. Und…..und die Zeitung.

Gerd rief bei der Telefonnummer in der Anzeige an, denn es gab im Camp auch noch einen Telefonmünzapparat und Übergangsgeld für einen Daumendruck.
In seinem Ohr tönte singend: „Oh, Du lieber Weihnachtsmann – leg nicht auf, der nächste freie Bewerberplatz ist für Dich vorgesehen…. Oh, Du lieber…“

Knacks! Ein Knacks in der Leitung und dann: „Weihnachtsagentur Kreis Nordfriesland – Guten Tag – nennen Sie mir bitte Ihren Namen, Ihr Alter, Ihr Gewicht und sagen Sie mir, was Sie befähigt Weihnachtsmann zu sein!“

Gerd antwortete verdattert: „ Gerd, 47, 110 kg, aber 10 nur wegen dem langen Bart, rote Gummistiefel, Zugang zur Kleiderkammer und intensiver Kontakt mit den Herzlichen hinter der Milchstraße im Wolkenschloss, zweiter Saal - links!“

Stille in der Leitung. „Hallo, Hallo – sind Sie noch da? Haben Sie mich gehört?“

„Ja, Ja, Ja – ja, Sie sind unser Weihnachtsmann. Sie sind es – welch ein Glück, ach, wie bin ich froh, dass Sie sich bei uns gemeldet haben. Entschuldigung – Entschuldigung, können Sie auch singen?“

Gerd: „Naja – bisher war singen bei mir nicht so gewünscht, man bekam davon eine rote Nase und ein blaues Auge, aber wenn ich dann den Job bekomme, dann sing ich auch.“

„Gut, gut, gut – Ihr erster Termin ist am 25.11.2016, 18.00 Uhr, die Weihnachtsfeier der Firma Lovesky. Kommen Sie bitte zwei Stunden vorher zu uns in die Agentur, zwecks Einkleidung, Sackübergabe und Programmhinweis. Bringen Sie Ihre Papiere nicht mit, Sie sind doch selbstständig, da zahlen Sie Ihre Steuern selbst und wir brauchen Sie nicht anmelden. Also, bis dann, Siemensstraße 1, 16.00Uhr am 25. Schönen Abend – und Tschüss!“

Gerd vollzog einen Luftsprung und umarmte in seiner Freude eine verschleierte Frau, die im Moment den Gang entlang kam, und küsste sie auf die Stirn. Eine Männerstimme unter der Burka rief: „Eh, was soll das – ich bin nicht schwul!“ Gerd hörte die Stimme von Kuno, seines Brückenfreundes von vor drei Jahren. „Kuno?“ „Ja – bleib leise, oder willst Du, dass wir auffallen und hier rausfliegen?“

Gerd: „Nein, nein, aber mir kann es eigentlich egal sein. Ich hab einen Job. Ich bin selbstständiger Weihnachtsmann und fang am 25. 11. an. Die haben mir gerade die Zusage gegeben. Ich bekomme dann echte rote Stiefel, eine rote Mütze, einen roten Mantel und einen Sack voller Geschenke. Ich kann dann singen, hüpfen, die Geschenke verteilen und man sieht mich. Alle werden mich sehen, nicht nur meine roten Schuhe, nein, m i c h. Man wird m i c h achten, auf m i c h warten, und alle werden sich m i t m i r freuen. Mit mir. Mit mir!“

„Hey Gerd, komm mal runter, ich freu mich ja für dich. Aber selbstständig, . . . du bist nicht versichert – ha, ha und dann, wenn du vom Schlitten durch den Schornstein fällst, dir das Bein brichst, und… und… und!“

„Kuno, du Weihnachtsmuffel – und – und, dann geht es mir auch nicht schlechter – nur – ich war einmal im Licht, und wer weiß, vielleicht trägt mich der Schlitten nach dem Job die Milchstraße entlang – den Sternen entgegen zu den Herzlichen…“ Gerd verdrehte die Augen, er war in seiner eigenen freundlicheren Welt verschwunden.

Kuno begriff – es ging nicht ums Geld, ums Bett, um Habseligkeiten. Es ging Gerd darum, einmal in seinem Leben mit Würde gesehen im Licht zu stehen. Kuno wurde ehrfürchtig, er sah Gerd nun mit anderen Augen. Gerd war nun so groß, so stark, so mild – wie der Schein der Kerze, die am 3. Tag auf dem Chanukahleuchter brannte. Kuno konnte nicht anders, er fragte Gerd: „Meinst du, du kannst mich mitnehmen?“

Gerd schob die *Burka* in die Kleiderkammer, suchte eifrig nach roten Stiefeln und sagte: „Schön, wir machen den Job zu zweit, es wird ja auch ne lange Reise zu den Elfen werden, und ein wenig Gemeinsamkeit - - - tut allen gut.“

Der 25.11. kam. Gerd und Bruno waren bereit. Hinter ihnen liefen noch 25 Paar rote Gummistiefel in die Siemensstraße zu Lovesky. Auch Abdul, Hassan, Aron, Iwan, Jussuf, Kamir, *Herbert der Stotterer* und *Alfons der Schiefe* waren somit ebenfalls als roter Mittelpunkt unterwegs. Jeder von ihnen wollte - - nur einmal - im Licht stehen und ehrliche Herzlichkeit empfangen. Wer wollte das nicht? Wer wollte dies nicht respekt- und würdevoll im Leben zu stehen? Sei es nur für einen Moment? Einmal so hell zu scheinen, wie der Kern einer Mignonzelle, nur einmal . . .

Märchen stehen der Realität oft nahe; so auch hier… In manchen klaren kalten Weihnachtsnächten sieht man sie leuchten, die Mignonzellen – die Milchstraße entlang. Und wer sagt, dass die roten sausenden Flecken am Himmel tags von Air Berlin oder China oder Korean Air stammen? Könnten es nicht auch die roten Stiefelchen sein, … … … … …
…… …. .. .. . . . .. auf dem Weg zu den H e r z l i c h e n ???


26.02.2016 - kurz vor Weihnachten,
Sanne

Autor: Sanne

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